Wer ist Gott? Ich hatte einen Abend im Kernzentrum in Dubno. Nach dem Abendessen organisierten die Gastgeber ein Bankett. Dem Bankettchen (etwa dreißig Personen) erwies der Leiter dieses Kernzentrums, der größte Wissenschaftler der Gegenwart, zweimaliger Held der sozialistischen Arbeit, Leninpreisträger und Mathematiker Nikolai Nikolajewitsch Bogoljubow die Ehre. Wir saßen nebeneinander am Tisch. Natürlich kamen wir ins Gespräch. „Wie kann das sein?“, fragte ich. „Noch vor kurzem lehrte man uns in der Schule, dass das Atom die kleinste, letzte und unteilbare Teilchen der Materie sei. Und Sie teilen es jetzt.“ „Und wie!“, antwortete der Wissenschaftler. „Ja, man dachte, es sei das letzte und unteilbare. Wir schauten hinein, und da war Brei. Dann hielten wir das Proton (ich kann mich bei den Namen der Teilchen irren. – W.S.) für das unteilbare Teilchen der Materie, schauten hinein, und da war Brei. Nun bleibt das Neutrino. Es ist so klein, dass jede Materie für dieses Teilchen praktisch durchsichtig ist. Durch die Erdkugel fliegt es hindurch, ohne irgendetwas zu berühren. Das heißt, es fliegt durch die Atome, ohne irgendetwas zu berühren. Wie ein Meteorit durch das Sonnensystem. Und wir schauen hinein, und da ist Brei. Und wenn das Neutrino unter bestimmten Bedingungen explodiert, kann aus ihm eine Galaxie geboren werden. Es ist nicht schwer zu erraten, welches Schweigen am Tisch eintrat. „Ja“, fuhr der Wissenschaftler fort, „unser Gehirn ist nicht bereit, diese Idee aufzunehmen, wie auch viele andere, auf die es (paradoxerweise!) dennoch kommt.“ Alle schwiegen. Dann fragte ich, um alles ins Scherzhafte zu wenden: „Also, was ist Gott denn nun eigentlich von Beruf?“ „Sowohl Mathematiker als auch...“, antwortete Nikolai Nikolajewitsch Bogoljubow ernsthaft und unterstützte meinen Scherz.
Wladimir Solouchin
Vladimir Soloukhin, in: Nashi Dni