Ein Friseur besaß eine Rasierklinge von außergewöhnlicher Schönheit und Qualität. Eines Tages, als keine Kunden da waren und der Besitzer abwesend war, beschloss die Klinge, die Welt zu erkunden und sich zu zeigen. Sie zog ihr scharfes Blatt aus der Fassung, wie ein Schwert aus der Scheide, und stolzierte an einem schönen Frühlingstag hinaus. Kaum hatte die Klinge die Schwelle überschritten, spielte das helle Sonnenlicht auf der polierten Stahlklinge, und Sonnenstrahlen tanzten fröhlich an den Hauswänden. Geblendet von diesem Anblick, wurde die Klinge von unbeschreiblicher Freude erfüllt und überheblich. „Soll ich nach solch einer Pracht wirklich in den Friseursalon zurückkehren?“ rief sie aus. „Niemals! Es wäre Wahnsinn, mein Leben damit zu verschwenden, seifige Wangen und Kinn von ungehobelten Männern zu rasieren. Gehört mein zartes Blatt wirklich in die Hände eines Barbiers? Keineswegs! Ich werde mich an einem versteckten Ort verbergen.“ Seitdem war sie verschwunden. Monate vergingen. Der regnerische Herbst kam. Einsam geworden, entschied die Ausreißerin, ihr freiwilliges Versteck zu verlassen und frische Luft zu schnappen. Vorsichtig zog sie das Blatt aus der Fassung und blickte stolz um sich. Doch... O Schreck! Was war geschehen? Das einst zarte Blatt war grob geworden, wie eine rostige Säge, und reflektierte keine Sonnenstrahlen mehr. Als sie ihren Fehler erkannte, begann die Klinge bitterlich zu weinen: „Warum habe ich mich verführen lassen? Wie hat mich der gute Friseur gepflegt und geschätzt! Wie freute er sich über meine Arbeit! Und nun, was ist aus mir geworden: Das Blatt ist dunkel, gezackt und mit abscheulichem Rost bedeckt. Ich bin verloren, und es gibt keine Rettung für mich!“ Dasselbe traurige Schicksal erwartet jeden, der mit Talent gesegnet ist, aber anstatt seine Fähigkeiten zu entwickeln und zu perfektionieren, sich übermäßig erhebt und sich Faulheit und Eitelkeit hingibt. Wie diese unglückliche Klinge verliert ein solcher Mensch allmählich die Klarheit und Schärfe des Geistes, wird träge, faul und von der Rostschicht der Unwissenheit überzogen, die Fleisch und Seele zerfrisst.
Nashi Dni Nr. 2003, 9. Dezember 2006