Als ein Adler-Ei unter eine Henne gelegt wurde, lebte der kleine Adler mit den Küken wie Brüder. Der Adler scharrte mit den Füßen im Hof, auf der Suche nach Würmern und Körnern, bis er eines Tages seinen Blick zum Himmel erhob, angezogen von einem schwarzen Punkt. Dort schwebte ein erwachsener junger Adler auf mächtigen Flügeln. Der kleine Adler ging zur Henne, um zu erfahren, was das für ein Vogel sei und warum er manchmal von ihm träumte. Doch die 'Mutter' antwortete: 'Kind, Adler schweben über uns, während wir gackern und im Sand scharren. Dir ist der Himmel nicht bestimmt, die Weiten sind nicht für dich. Wir sind Hühner, du siehst es selbst, dass wir nicht fliegen können.' Die Henne überzeugte den Adler, dass er zur Erde gehöre, und ging zu ihren Küken. Doch der kleine Adler fand keinen Frieden mehr, er sehnte sich nach dem Himmel. Er fühlte sich fremd und anders, er wollte zu den Adlern fliegen. Da flog er auf den Zaun, und plötzlich, als er seine Flügel ausbreitete, spürte er den Druck des Windes in ihnen. Mit Anstrengung erhob er sich wie eine Feder über den Hof, immer weiter, höher und höher. Die Erde verschwand unter ihm – Höfe, Häuser und Dächer. Und dann, wie aus dem Nichts, erschien eine riesige Adlerin! Der Adler flog ihr nach oben, erkennend, was für ein Vogel er war. Aus der Ferne hörte man drei Worte: 'Oh, nicht von dieser Erde!' Und der junge Adler flog erneut in die Wolken. Die Menschen auf der Erde sollten verstehen, dass sie mit gesenktem Kopf gehen, und sich der einfachen Fabel vom Adler stellen: Leben wir nur, um Staub mit den Füßen aufzuwirbeln? Oder um mit dem Adler in den Himmeln zu schweben, unter den Wolken?
Vera Kushnir, in: Nashi Dni Nr. 1997, 28. Oktober 2006