Als Schura das Haus betrat, waren die meisten Bänke bereits besetzt. Es war still. Die Menschen saßen mit ruhigen Gesichtern und warteten auf den Beginn der Versammlung. Sie war hier nur in ihren frühen Jugendjahren gewesen, und unwillkürlich kamen Erinnerungen an die besten Tage ihres Lebens auf.
„In die Heimat, in die Heimat, in die Heimat des Landes...“ sangen die alten Männer vorne, und die ganze Versammlung stimmte in die feierliche, langgezogene Melodie ein. Der Hymnus war bekannt, und Schura sang unwillkürlich mit, erinnerte sich dann aber: „Ich bin doch ungläubig!“ und verstummte. „Ja, an diesem Tisch habe ich als kleines Kind Gedichte aufgesagt. Wie sie mich anlächelten, wie sie mich liebkosten“, dachte sie, während sie die Jugend rechts von ihr betrachtete. Unter ihnen war auch Sascha Iwin, der etwas für sich las.
Am Tisch saß ein alter Mann mit langem Bart – Akim, Saschas Vater. Er sang laut, hielt ein Liederbuch vor sich und rückte immer wieder seine Brille zurecht, die während des Singens offenbar nicht fest saß.
Schura schaute sich um und bemerkte Pawel Skudin, der mit weit geöffneten Augen die Umgebung betrachtete. „Offenbar ist er zum ersten Mal hier“, dachte Schura.
„Vor dem Gebet singen wir: ‚Nun ist die Stunde des Gebets gekommen‘“, schlug ihr Vater, Pantelej, vor. Alle standen auf, und Akim las: „Nun ist die Stunde des Gebets gekommen, still und bescheiden ist unser Haus. Und Seele an Seele schmiegt sich unter uns in heiliger Gemeinschaft.“
Nach dem Gesang setzten sich alle.
„Iwin wird das Wort sprechen“, sagte einer der alten Männer. Schura dachte, dass Akim jetzt zum Tisch gehen und lesen würde, aber Sascha trat vor und öffnete das Evangelium.
„Erstaunlich, er liest das Evangelium“, dachte Schura.
„Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt“, sprach Sascha die Worte Jesu.
Er sprach über das Gebet, das die Versuchung besiegt, sprach über das Wachen und Beten während der Versammlung, damit sie gesegnet sei.
Schura hörte zu, schaute auf sein offenes, ehrliches Gesicht und flüsterte unwillkürlich: „Wie er glaubt!“ Und plötzlich wurde ihr angst, dass sie selbst an nichts glaubt.
Was sie in ihrer Kindheit empfand, diese Welt und die Liebe Christi, waren ihr nun völlig fremd.
Sascha rief zum Gebet auf, und alle knieten nieder und beteten der Reihe nach, oft einander unterbrechend. Sie sprachen einfache Worte und legten Gott ihre Bedürfnisse und Bitten dar. Es gab keine schönen Gebete, keine auswendig gelernten Phrasen. Einige weinten. Nach dem Gebet sangen sie:
Sünder, kommt zu Christus. Die Stunde der Rettung ist verkündet. Jesus will euch retten, Voll Liebe und Kraft ist Er...
Nashi Dni Nr. 1908, 15. Januar 2005