Zu jener Zeit lebte ich in Charkiw. Es war das Jahr 1933, ich war 19 Jahre alt. Die Stadt war überfüllt mit Bauern, die aus den Dörfern geflohen waren, und es gelang mir nur mit Mühe, einen Platz in der Einzimmerwohnung einer armen, kinderreichen Witwe zu finden. Tagsüber arbeitete ich, abends ging ich zur Schule.
Eines Tages, an einem freien Tag, machte ich einen Spaziergang. Unbemerkt gelangte ich an den Stadtrand und fand mich auf einem großen Ödland wieder. Es war Frühling, die Sonne schien freundlich, die ersten Blätter erschienen an den Bäumen, das Gras wurde grün. Hier und da leuchteten Löwenzahnblüten auf dem grünen Teppich, Veilchenbüschel blühten blau, Vögel sangen in allen Tönen, und hoch am Himmel jubelten die Lerchen.
Alles um mich herum freute sich, aber meine Seele stöhnte. Ich war hungrig, obdachlos, verfolgt. Plötzlich sah ich vor mir eine bemalte Eierschale. Ich hob sie auf, legte sie auf meine Handfläche und erinnerte mich: Heute ist Ostern, das Fest der Auferstehung, ein herrlicher, großer Tag. Das lenkte meine Gedanken auf meine frühe Kindheit. Ich erinnerte mich, wie vor Ostern in unserem Haus alles gereinigt, gewaschen und aufgeräumt wurde, wie der Samowar glänzte, wie die mit Wachs polierten Böden knarrten, wie die Blumen auf den Fenstern dufteten. Zum Fest wurden Schinken und Wurst zubereitet, viele Eier gekocht und gefärbt.
Vater vergaß auch die Armen nicht. Er bereitete immer vor dem Fest einen speziellen Korb mit Lebensmitteln vor und befahl, ihn den Armen zu bringen. Mit dem Beginn des Festes läuteten die Glocken feierlich. Wir gingen mit der ganzen Familie zum Gottesdienst in das Gebetshaus. Ich trug ein neues Hemd, einen neuen Anzug, neue Schuhe. Meine Schwester trug ein neues Kleid, neue Schuhe, ein neues Band im Zopf. Auch die Eltern waren festlich gekleidet. Vor dem Gebetshaus begrüßten sich die Gläubigen mit einem Kuss. Der Saal war überfüllt. Der Älteste las über die Auferstehung Christi. Der Chor sang, alle sangen:
Er lebt, Er lebt, Er hat den Tod besiegt...
Himmlische Freude erfüllte die Herzen der Gläubigen. Alle jubelten. Nach dem Gottesdienst erhielten die Kinder Geschenke: bemalte Eier und Süßigkeiten.
In der Familie gab es die Tradition: Zu Ostern besuchten wir Oma und Opa. Und dort war es herrlich: Wir fuhren auf dem Fluss, spazierten im Kiefernwald, sammelten Veilchen und kehrten erst am dritten Tag nach Hause zurück.
Damals feierte man Ostern, Pfingsten und Weihnachten drei Tage lang.
Nashi Dni Nr. 1821, 19. April 2003