Ich erinnere mich an einen Vorfall in der Stadt Riga. In den 80er Jahren erkrankte eine Schwester in der örtlichen baptistischen Kirche schwer. Sie wurde ins Krankenhaus eingeliefert und eine Operation wurde angesetzt. Am festgelegten Tag schnitten die Ärzte sie auf und... nähten sie wieder zu. Sie sagten, es sei zu spät, man könne nichts mehr tun. Alle inneren Organe seien vom Krebs befallen. Sie wurde entlassen, um zu sterben, und den Verwandten wurde gesagt, sie sollten sich auf eine baldige Beerdigung vorbereiten. Diese Schwester stammte aus Moldawien. Ihre Kinder waren bereits erwachsen und in verschiedene Städte der Sowjetunion gezogen. Man schickte ihnen Telegramme, sie sollten dringend kommen, wenn sie ihre Mutter noch lebend antreffen und sich verabschieden wollten. Die besorgten Kinder kamen aus verschiedenen Orten, sorgten dafür, dass sie freie Tage hatten. Einige nahmen auf eigene Kosten frei, andere bekamen Freistellungen oder Urlaub. Die Mutter lag im Bett und betete, bat Gott um Heilung. Niemand weiß, wie ihr Gespräch mit Gott war und was Er ihr antwortete. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus verging ein Tag, zwei, zehn... Die Frau lebte. Die Zeit verging, die Freistellungen der Kinder waren aufgebraucht und auch der Urlaub... Aber die Mutter lebte. Ein Jahr verging, zwei, zehn... Gott sei Dank, bis heute lebt diese Schwester! Sie hat zwar ihren Wohnort gewechselt und ist nach Amerika gezogen. Mit ihrer Familie hat sie sich im Bundesstaat Washington niedergelassen und klagt nicht über ihre Gesundheit. Sie blieb, wie sie war, still, bescheiden, unauffällig. Aber das Siegel des Herrn liegt noch immer auf ihr. Diese Schwester tritt in der Kirche auf, um zu singen, und obwohl ihre Stimme wie eine Stimme ist – es gibt hellere und schönere – führt sie den Psalm so aus, wie niemand sonst. Ihr Lobpreis Gottes erreicht die tiefsten Tiefen der menschlichen Seele. Es scheint, dass ihr nach dem Erlebten eine besondere Kraft gegeben wurde – nicht zu den Gefühlen, sondern direkt zum Herzen des Menschen zu sprechen. Diese Schwester singt einen Psalm, und die ganze Kirche sitzt und weint...
M. Ivanov, in: Nashi Dni Nr. 1972, 22. April 2006