Es lebte auf der Erde ein Staubkorn. Und es war sehr stolz auf sich. „Seht, wie viele wir sind!“ sagte es. „Wir sind das zahlreichste Volk auf dem ganzen Planeten. Und wir sind eine gewaltige Macht. Wenn der Wind aufkommt und ein Staubsturm beginnt – dann hat niemand eine Chance!“ Über ihm, am äußersten Rand eines Blattes einer Feldblume, hing ein Morgentautropfen. Er hörte die stolzen Worte des Staubkorns schweigend mit an. Das Staubkorn bemerkte das und wurde noch stolzer: „Von unseren Schwestern, den Sandkörnern, sagt man, es seien so viele wie der Sand am Meer. Und was kannst du über dich sagen?“ „Wenn wir viele am Himmel sind, dann fällt Regen. Und wenn wir viele auf der Erde sind, entsteht ein Fluss, ein See oder sogar das Meer“, antwortete der Tropfen. „Und wir sind ein starkes und herrliches Volk vor Gott.“ Das Staubkorn hatte mit dieser Wendung nicht gerechnet. Es wurde zornig und sagte: „Weißt du, dass aus uns Staubkörnern die ganze Erdkugel besteht? Und der Herr hat den Menschen aus Erde erschaffen. Also passt auf!“ Doch die bescheidene Tautropfen erwiderte: „Ich bin eine Botin des Himmels. Wenn Gott den Sternen seinen heiligen Willen verkündet, beeile ich mich, zu den Menschen zu kommen, um Seine Worte zu überbringen. Damit sie Seinen heiligen Willen auch auf der Erde erfüllen.“ „Was hat der Herr dir jetzt befohlen, dem Menschen mitzuteilen?“ fragte das Staubkorn spöttisch. „Das hier …“ sagte der Tropfen leise. Er rollte sich vom Blatt herab und fiel direkt auf das Staubkorn. Und aus diesem stolzen Staubkorn wurde gewöhnlicher Schmutz. „Der Herr hat mir befohlen, den Menschen zu sagen,“ sprach der Tropfen, „dass sie sich nicht rühmen sollen. Denn aller Stolz ist Schmutz vor Gott.“ Der Morgen kam. Die Sonne zeigte sich. Der Schmutz trocknete und wurde wieder zum Staubkorn. Und der Tropfen verdunstete! „Das hast du nicht anders verdient!“ sagte das Staubkorn spöttisch. Doch die heiße Sonne brannte immer stärker. So heiß, dass die ganze Erde aufriss. Die Menschen fingen an, Gott anzuflehen: „Offenbar haben wir gesündigt, Herr! Aber schicke uns doch wenigstens einen Tropfen Feuchtigkeit. Denn die Erde gibt keine Ernte mehr. Bei solcher Dürre könnte Hunger kommen. Uns und unseren Kindern wird nichts zu essen bleiben. Sieh doch, Herr! Alle Halme sind verdorrt! Nur Staub ringsum!“ Das Staubkorn war beleidigt, dass die Menschen so über es sprachen. Aber ehrlich gesagt, war es selbst kaum noch zu ertragen – es war viel zu heiß! Und plötzlich begann es zu regnen! So warm und sanft, dass alle Pflanzen wieder auflebten. Auf den Getreidefeldern begann der Weizen zu reifen. Die Menschen freuten sich sehr! Und wieder traf das Staubkorn den Tropfen. „Was hat der Herr dir diesmal befohlen, den Menschen zu sagen?“ fragte das Staubkorn. „Der Herr hat mir befohlen“, antwortete der Tropfen, „dass Er barmherzig ist. Dass das Gebet der Menschen zu Ihm gedrungen ist. Und Er hat Erbarmen mit ihnen gehabt und ihnen ihre schweren Sünden vergeben.“ Doch das Staubkorn blieb weiter zornig und dachte: „Nichts da! Wir werden noch sehen, was im Winter mit dir passiert!“ Und nun kam der Winter. Alle Flüsse und Seen froren zu. Sie waren mit Eis bedeckt. Und sogar nicht nur Meere, sondern manche Ozeane froren zu! „Ha!“ freute sich das Staubkorn, obwohl es selbst bis auf die Knochen fror. „Unser Volk ist trotzdem stärker und herrlicher als eures!“ Gerade da sah es, wie eine Schneeflocke vom Himmel herabschwebte! Sie flog wie eine weiße Taube, flatterte in der frostigen Luft. Und sie trug ein Kleid wie eine Braut, weiß, und auf dem Kopf einen Kokoschnik, wie ihn russische Mädchen tragen. Es war der Tropfen, der sich in eine schöne Schneeflocke verwandelt hatte. „W...w...was hat dir d...d...denn jetzt befohlen zu überbringen?“ stotterte das vor Kälte durchfrorene Staubkorn. „Der Herr, unser Gott, hat mir befohlen zu sagen“, erwiderte die Schneeflocke, „dass das stärkste und herrlichste Volk auf der ganzen Erde die Christen sind.“ So endete diese Geschichte. Sei immer bescheiden und rühme dich niemals. Erinnere dich, zu welchem, vom Herrn selbst gesegneten, Volk du gehörst!..
N.N., in: Nashi Dni