Jesus sprach: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet; verurteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet; vergebt, und euch wird vergeben.“ Heute bestätigen Ärzte die Wahrheit dieser Worte. Gefühle von Zorn, Feindseligkeit und Furcht wirken sich äußerst negativ auf das Herz des Menschen aus. Zudem schadet dauerhafter Stress, wenn jemand immer wieder an belastende Situationen zurückdenkt, dem Immunsystem. Ärzte empfehlen deshalb, sich möglichst von Zorn und Groll zu befreien, da sie die Gesundheit des Menschen am negativsten beeinflussen.
Ich hörte eine kurze Geschichte. Klar und lehrreich bringt sie Christen zum Nachdenken, die unbewusst ihr stolzes „Ich“ zur Schau stellen.
Ein älterer Mann gehörte zu den Gläubigen, die von allen geliebt und geehrt wurden. Er ging nicht gleichgültig an menschlichem Leid vorbei, führte keine leeren Gespräche, schloss sich nicht den Nörglern in der Gemeinde an und beneidete nicht den Erfolg anderer. Man kannte ihn vor allem als tugendhaften Christen.
Doch in ihm lebte ein sündiger Makel, von dem er nie etwas ahnte. Und er wäre mit ihm für immer in die Ewigkeit gegangen, wenn ihn nicht ein von Gott gesandter Traum erreicht hätte.
Er sah sich selbst im Himmel, im Reich Christi. Die körperlosen Engel, die keine irdischen Nöte kennen, und die hellen Farben des himmlischen Reiches gaben der Seele des irdischen Gastes Ruhe und ließen die verdiente himmlische Wonne ahnen, nach der er auf Erden gestrebt hatte.
Und er sah Christus auf dem Thron sitzen und das Buch seiner Taten. Christus blätterte in dem Buch in der Hoffnung, darin aufgezeichnete Tugenden zu lesen. Doch zu dem großen Erstaunen dieses Mannes waren die Seiten leer. Schließlich las Christus: „Löchriger Pullover.“
Die Hand blätterte weiter im Buch der Taten, doch es gab darin keinen einzigen weiteren Eintrag.
Der Alte erwachte. Tränen benetzten sein Gesicht. Das Bewusstsein, dass es nur ein Traum gewesen war, erfüllte seine Seele mit Freude. „Löchriger Pullover! Löchriger Pullover!“, klang es in seinem Bewusstsein. „Soll es wirklich nur ein Pullover gewesen sein? Ich habe doch so viel Gutes im Namen Christi getan!“
Da erinnerte er sich daran, dass jede seiner guten Taten, obwohl er sie mit einem Gebet auf den Lippen vollbracht hatte, nicht ohne ein vertrauliches Gespräch in jemandes Haus auskam. Früher oder später erfuhr man von seiner guten Tat, und er erhielt die Anerkennung der Menschen, wobei er ein wichtiges Gebot der Bergpredigt beiseiteschob: „…wenn du Almosen gibst, sollst du nicht vor dir her posaunen, wie es die Heuchler tun…“ (Mt 6,1-4). Und obwohl er dieses Gebot viele Male gelesen und gehört hatte, blieb sein Sinn für ihn hinter sieben Schlössern verborgen.
Man soll nicht schlecht von diesem Alten denken, lieber Leser. Er liebte den Herrn wirklich und war ein gutes Vorbild für die Christen um ihn herum. Warum im himmlischen Buch nur eine einzige Tugend verzeichnet war – der löchrige Pullover –, das wird meinem Leser, denke ich, nicht schwer zu erraten sein.
Nachdem der gute Christ einer armen Familie einen Pullover geschenkt hatte, schämte er sich diesmal, den Leuten von seiner guten Tat zu erzählen, weil das Geschenk nicht von guter Qualität war. Doch Gott zögerte nicht, sie in Sein Buch einzutragen, da das Geschenk von Herzen und ohne die Absicht gegeben worden war, Lob zu hören.
Pawel Matjasch, in: Nashi Dni Nr. 2198, 30. Oktober 2010