An einem Sonntag wollte ein Prediger gerade das Haus verlassen, als ihn ein durchlöcherter Schuh im letzten Moment störte. In seinem Herzen regte sich Unmut und Enttäuschung, und er ließ den Kopf hängen. Er sah die Bedürfnisse anderer nicht, obwohl sie auch Sünder waren. Verärgert sagte er zu seinen Kindern: "Ich gehe nicht, und damit basta!" Doch seine Frau, die das Unheil bemerkte, tröstete ihn so gut sie konnte: "Du hast doch eine Predigt vorbereitet. Du wolltest darüber sprechen, wie wir dem Schöpfer danken sollten, auch wenn wir es nicht können." Mit finsterer Miene ging der arme, schwache Diener zur Versammlung und versteckte seine Füße in den Schuhen unter der Bank. Kühn las der Prediger das Wort Gottes vor. Auf der vorderen Bank flüsterte jemand beim Zuhören: "Ach, welch ein Glück! Ich sehe Dich in allem, mein Gott!" Der Prediger schaute nach unten und sah einen Betenden ohne Beine... Tief erschüttert begann er bitterlich zu weinen: "Mein Gott! Von Dir gerettet, habe ich wie Israel gemurrt. Ich habe Augen, und meine Ohren hören... Ich konnte es nicht schätzen. Vor Dir ist der Betende ohne Beine viel höher. Ich wage es nicht, die Augen zu erheben, es ist mir sogar peinlich zu sprechen. Ich sehe selbst, dass ich nicht in der Lage bin, für alles zu danken. Ehre sei Gott für die Kleidung, das friedliche Dach und die Tage der Sorgen. Ehre sei Gott für die Hoffnung, mit Ihm im Himmel zu leben. Wenn wir mit dem Herzen sehen, was uns der große Gott gegeben hat, werden keine Beschwerden wie die über die Schuhe auftauchen." Möge auch uns diese Erfahrung zuteilwerden. Und die gehörte Geschichte über Beleidigung, Zorn und Murren möge für uns zu einer Parabel werden.
Vera Osipova, in: Nashi Dni Nr. 2000, 18. November 2006