Christophor, der kürzlich bekehrt worden war, legte sich am Ende des Tages auf sein Bett. An diesem Abend konnte er nicht von den herrlichen Siegen erzählen, und überhaupt verschwand irgendwie jene ihn überströmende Freude, die er als Christ immer zu haben gehofft hatte. „Ich habe gebetet, gebetet, aber Gott antwortet nicht auf meine Gebete“, dachte er traurig und blickte an die Decke. Plötzlich trat jemand ins Zimmer, nahm ihn bei der Hand und fragte: – Möchtest du an der Fahrt zum Himmel im Gebetszug teilnehmen? – Ja, natürlich! – antwortete Christophor und folgte dem Fremden in die dunkle Nacht.
Bald kamen sie zum Bahnhof der großen Stadt Gebet. Hier stand der Gebetszug. – Unsere Reise beginnt an dieser Station, – erklärte der Schaffner. Er führte ihn in den ersten Wagen, wo Christophor sah, wie auf Tausenden von Briefen Datum und Name der Stadt abgestempelt wurden. – In diesen Briefen sind die Gebete aller Menschen, – sagte der Schaffner und zeigte auf die großen Stapel von Briefen, die vor den sie sortierenden Männern lagen. Auch der Schaffner begann ihnen zu helfen.
Im Wagen war es hell, und Christophor begann, seinen Begleiter zu betrachten. Er trug eine schneeweiße Uniform. Auf dem Schirm der Mütze befand sich ein goldenes Band mit der Aufschrift: „Gebetssortierer“. Sein Aussehen spiegelte den Abdruck himmlischer Heiligkeit wider, doch oft schimmerten Schatten von Enttäuschung und Traurigkeit durch. Bald ertönte ein schriller Pfiff, und der Zug hielt an. Der neben ihm stehende Mann hob einen der Säcke hoch und warf ihn aus dem Wagen. Auf dem Sack stand: „Ungerechtigkeit“, und er wurde an der Station „Ungerechtigkeit“ hinausgeworfen. Der Schaffner erklärte: – Diese Briefe werden wieder an die Absender im Gebetsort zurückgeschickt. Das sind Gebete, in denen Menschen, obwohl sie keine Christen sind, von Gott allerlei Güter für sich erbitten. Sie sagen: „Lieber, teurer Herr“, leben aber in Sünden. Solche Gebete will Gott nicht hören, und sie werden zurückgeschickt.
Christophor war froh, dass er ein reines Herz hatte, dennoch begann es schneller zu schlagen. Die nächste Station war „Formalität“, und wieder flog ein Sack aus der Tür. – Für viele Menschen ist das Gebet nur eine Formalität oder Gewohnheit. Wir müssen eifrig, mit aller Ernsthaftigkeit, im Geist und in der Wahrheit beten, – erklärte der Schaffner, und der Zug eilte weiter.
– „Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten“ (Jak. 5,16), – fuhr der Schaffner fort. – Du weißt doch, wie die Gemeinde in Jerusalem eifrig für Petrus betete und wie er befreit wurde. Wenn die Menschen, deren kalte und formelle Gebete wir hinter uns gelassen haben, ernsthaft und von ganzem Herzen beten würden, dann würde Gott ihre Gebete erhören. Vielleicht werden auch sie eines Tages lernen, ernsthaft und eifrig zu beten; dann werden wir auch ihre Gebete mit auf die Reise zum Himmel nehmen, – fügte er sanft hinzu.
– Herr, gib mir die Kraft, immer mit aller Ernsthaftigkeit zu Dir zu beten, – betete Christophor leise, und zu seinem Erstaunen bemerkte er, dass der neben ihm stehende Mann dieses kurze Gebet aufschrieb und in einen Umschlag mit der Aufschrift „Himmel“ legte. – Wird dieses Gebet erhört? – fragte Christophor nach kurzem Zögern. – Gewiss, – antwortete der Mann freundlich lächelnd. – Aber warum hat Gott bisher nicht auf meine Gebete geantwortet? – Warte noch ein wenig, und du wirst es erfahren, – schlug der Schaffner vor. Wieder ertönte ein Pfiff, und der Zug hielt an der Station „Stolz“.
– Es kommt vor, dass die Menschen die Notwendigkeit der Demut vergessen, und dann können ihre Gebete nicht erhört werden, – erklärte der Schaffner. Christophor wurde rot, denn er fühlte sich schuldig. Er erinnerte sich sofort daran, wie er kürzlich einen Bruder beleidigt und Gott um Vergebung gebeten hatte, aber nicht zu dem Bruder selbst gehen und seine Beziehung in Ordnung bringen wollte. Sofort beschloss er, zu diesem Bruder zu gehen und ihn um Vergebung zu bitten. Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Schaffners, und er blickte Christophor zustimmend an. Bevor Christophor sich umsehen konnte, erschien aus der Ecke des Wagens sein langes Gebet um Vergebung und wurde in den Sack mit der Aufschrift „Himmel“ gelegt.
Christophor sah, dass er in Bezug auf das Gebet noch viel gelernt hatte. Die Station „Zweifel“ wurde ausgerufen, und ein ungewöhnlich großer Sack wurde aus dem Wagen geworfen. – Vielleicht sind deine Gebete hier geblieben? – fragte der Schaffner. – „Denn wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass er ist und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein wird“ (Hebr. 11,6). – Ich habe ihn eifrig gesucht, – entgegnete Christophor. – Hast du geglaubt, dass du von Gott erhört wirst? – fragte der Schaffner. – Ich habe es versucht... – und Tränen rollten über seine Wangen. – Welchen Sinn hat es zu beten, wenn du keine Antwort erwartest? „Alles, was ihr im Gebet bittet, glaubt, dass ihr es empfangt, und es wird euch werden“ (Mk. 11,24), – lehrte der Schaffner. Als die Station „Böse Gedanken“ ausgerufen wurde, begann Christophor zu zittern. Hatte es nicht auch Zeiten gegeben, in denen er mit egoistischen Gedanken gebetet hatte? – Betet in Bereitschaft, Gottes Willen zu erfüllen, – ermahnte ihn sein Freund, als er Christophors Ernst bemerkte.
Nach einigen Stationen hielt der Zug an der Station „Himmel“. Sie stiegen aus. Ach, ringsum war alles so wunderbar! Engel empfingen sie mit einem Siegespsalm. Sie trugen die Gebete zum himmlischen Vater, wo sie alle gelesen wurden. – Herr, gib mir die Kraft, immer mit aller Ernsthaftigkeit zu Dir zu beten, – hörte Christophor. – So sei es, – sagte Gott, – bringt ihm die Antwort. Da regte sich Christophor auf seinem Lager und erwachte. – O, was für einen wunderbaren Traum habe ich heute Nacht gehabt! – Er fiel auf die Knie und rief: – Gott, schenke mir Glauben – echten, unerschütterlichen Glauben daran, dass Du meine Gebete hörst. Mein Wunsch ist es, einen festen, alle Hindernisse überwindenden Glauben zu haben, Freude und Geduld trotz aller Schwierigkeiten des Lebens zu besitzen... Er erhob sich langsam. Gewissheit und himmlische Freude erfüllten sein Herz: Jetzt wusste er, dass sein Gebet von Gott erhört worden war.
Quelle unbekannt