Der dunkle, wolkenverhangene Himmel erstreckte sich über die schneebedeckten Felder, die schwarzen Gehölze und die verstreuten Dörfer, in denen bereits Lichter leuchteten. Ein kalter Wind heulte klagend durch die Zweige der Straßenbirken. Auf der Straße, abseits, eilte ein kleiner Mann. Ein dürftiger Mantel umhüllte seine schmächtige Gestalt; auf dem Kopf trug er eine Mütze, an den Füßen löchrige Filzstiefel. Mit der linken, einzigen Hand hielt er einen über die Schulter geworfenen Baumwollsack fest, während der rechte, leere Ärmel vom Wind zur Seite geblasen wurde. Der schwarze, düstere Gehölzstreifen endete. Da war das Dorf. Dunkle, niedrige Hütten schienen vom weiten Feld zur Straße hinzugelaufen zu sein und standen nun in einer Reihe. Das Dorf endete, und dahinter erstreckte sich erneut ein weites Feld. Der kalte Wind nahm zu. Der dunkle Himmel wurde noch düsterer. In der Ferne blitzte ein Licht auf. Vor dem grauen Hintergrund des Feldes zeichnete sich die schwarze Silhouette einer einsam an der Straße stehenden Kapelle ab. Eine große, brennende Laterne schaukelte leise über dem Eingang. Diese Kapelle gehörte zum Kloster. Bei ihr lebte ein alter Mönch, dessen Aufgabe es war, die Lampen zu überwachen und die Kapelle sauber zu halten, vor allem aber, von den Vorbeifahrenden und Vorübergehenden Almosen für das Kloster zu sammeln. Der Vorübergehende blieb auf gleicher Höhe mit der Kapelle stehen, öffnete dann die gefrorene Tür und trat ein. Einige Lampen und Kerzen brannten vor den Ikonen. Es roch nach Wachs und Weihrauch. Es war warm. Der alte Mönch richtete den abgebrannten Docht einer Lampe. Der Eintretende ließ den Sack von sich fallen, bekreuzigte sich mit der linken Hand und sprach mit heiserer Stimme, während er die Eiszapfen von seinen gefrorenen Schnurrhaaren abbrach: „Vater Ignatius, mein Respekt.“ „Ah, Iwan, ich habe schon fast deinen Vaternamen vergessen“, antwortete der Mönch, sich zum Eintretenden umdrehend. „Was soll’s“, grinste Iwan schief, „was soll man einen Einarmigen mit dem Vaternamen anreden, wo ich doch jetzt nichts mehr wert bin. War mal ein Mensch, und jetzt ist dieser Mensch keinen Pfifferling mehr wert.“ „Warum sprichst du so?“ „Ich spreche die Wahrheit. Und ich habe eine Bitte an dich, Vater Ignatius: Wärm mich auf. Ich bin durchgefroren und fühle mich nicht wohl.“ „Nun, übernachte hier“, antwortete der Mönch kühl. „Obwohl wir keine Nachtgäste aufnehmen, der Abt erlaubt es nicht.“ Bald saß Iwan mit dem Mönch in der warm geheizten Zelle, die an die Kapelle angrenzte. Iwan war etwa dreißig Jahre alt. Er war klein und schmächtig, mit einem von Pocken gezeichneten Gesicht, aus dessen tiefen Höhlen fiebrig dunkle Augen blitzten. Am Kinn spross ein kaum sichtbarer Bart. „Wohin gehst du?“ fragte der Mönch Iwan. „Ich gehe in die Stadt aus meinem Dorf.“ „Arbeit suchen?“ „Welche Arbeit! Wer gibt mir jetzt, einem Krüppel, Arbeit?“ lächelte Iwan bitter. „Für mich gab es Arbeit, als ich noch zwei Hände hatte. Aber jetzt ist nur noch eine übrig. Wer braucht einen einarmigen Arbeiter? Einst galt ich als guter Schlosser. Doch dann geschah ein Unglück: Meine Hand wurde in die Maschine gezogen, und ich blieb mit einer Hand zurück, als ich aus dem Krankenhaus kam. Der Chef vergaß all meine früheren Verdienste. Aber Gott hat mich nicht vergessen. Vielleicht hat Er dir durch diese Prüfung einen Weg bereitet, der Ihm wohlgefällig ist, einen Weg, der dich zu Ihm führen wird, in Sein ewiges Reich. Denke nicht an Selbstmord. Mit einer Hand wirst du auch leben und kannst dich durch ehrliche Arbeit ernähren. Es gibt Berufe, in denen man auch mit einer Hand arbeiten kann. Vorläufig bleibst du bei uns. Du wirst dich an deine Lage gewöhnen, Christus näherkommen, von dem du abgefallen bist. Inzwischen werde ich mich mit kundigen Leuten über dich beraten, und wir werden dich irgendwo unterbringen, auch mit einer Hand. Und du wirst den anderen Menschen in nichts nachstehen. Also wirf deine Trauer ab. Vor dir liegt noch die Hälfte des Lebens. Du kannst dienen, mit Ihm leben und mit Ihm sterben. Was für eine Freude wird das für dich noch sein
Nashi Dni #1755, 29 Dezember 2001