In der Antike lebte ein mächtiger König, der mit seinem Heer in fremde Länder einfiel, Dörfer und Städte niederbrannte und die Bewohner in Gefangenschaft führte. Er befahl, die Erzählung seiner Taten in Stein zu meißeln. Als er den Tod nahen fühlte, ließ er sich ein Grabmal aus massiven Steinen errichten. Seinen Körper vermachte er, mit kostbaren Ölen getränkt zu werden, damit er nicht der Verwesung anheimfalle. Doch die Erinnerung an ihn ist nicht zu uns gelangt. Unsere Gesichter erhellen sich nicht und unser Herz schlägt nicht freudig, wenn wir von ihm hören. Es wird ein Tag kommen, an dem auch der letzte Stein seines Grabmals zerstört sein wird, und der Wüstenwind wird die Spur davon mit Sand bedecken. In der Antike lebte auch ein anderer König. Er hatte keine Krieger, vergoss kein Blut und verbrannte keine Behausungen. Seinen Namen meißelte Er nicht in Stein, sondern in die Herzen der Menschen. Er reichte den Sündern die Hand, berührte sanft mit dieser Hand die brennenden Wangen der Kranken, erleuchtete mit dem Licht der Barmherzigkeit die Not der Armen und, selbst ans Kreuz genagelt, vergab Er Seinen Feinden und betete für sie. Er errichtete sich kein Grabmal wie jener erste König, und doch finden wir sowohl in großen Städten als auch in Dörfern Häuser, die Ihm gewidmet sind, deren Kuppeln oder Türme sich gen Himmel strecken. Selbst in bergigen Gegenden, in den Bereichen ewigen Schnees, wo keine menschlichen Behausungen zu finden sind, werden Kapellen zu Seiner Ehre errichtet und der Glockenklang ertönt zur Erinnerung an Seine Taten der Liebe. Bis heute wird in der ganzen Welt die heilige Nacht Seiner Geburt gefeiert. Die Macht des Guten ist stärker! Sie übersteigt den Lärm der weltlichen Kriege. Sie zieht die Umherirrenden in dieser Welt an, wie das Licht in der Nacht den verirrten Wanderer anzieht. „Denkt nicht, dass Güte und Herzlichkeit spurlos verschwinden können! Jedes liebevolle Wort und jede Liebe sind unsterblich; sie überwinden das Böse, den Spott und die Hohnreden, sie bereiten einsamen Herzen ein stilles Fest“, schrieb einst ein christlicher Humanist. Je rauer und härter die Umstände in der Welt, desto heller leuchtet das Gute und die Wahrheit in der Person Jesu, als Zeugnis der Liebe und Barmherzigkeit Gottes gegenüber Seinen in Bosheit erstickenden Gegnern. Für die leidende Menschheit ist Er auch in diesem Weihnachten Hoffnung und Licht. Viele haben nicht die Möglichkeit, Weihnachten zu feiern, wie in der guten alten Zeit, mit der Gemütlichkeit und Freude, die diesem Fest so eigen sind. Wir wissen, dass für viele auch dieses Weihnachten mit der Sehnsucht nach Trennung oder Verlust verbunden sein wird. Und dennoch sind wir überzeugt, dass der wahre Inhalt von Weihnachten gerade unter solchen Umständen von uns tiefer erkannt werden kann, als damals, als wir kein Leid und keine Verluste kannten. Was ist der Inhalt von Weihnachten? Wir stehen vor dem großen Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes, einem Geheimnis, das unser Verständnis übersteigt: der ewige und erhabene Gott, den das ganze Universum nicht fassen kann, wird Mensch auf unserer sündigen Erde und wandelt in der Gestalt eines Menschen. Nun ist Gott nicht im verzehrenden Feuer Seiner Majestät, sondern in der Gestalt unseres Bruders. Unser Verstand kann dies nicht fassen, aber versuchen wir einfach, kindlich auszudrücken, was hinter diesem Geheimnis verborgen ist. Das Wunder der Weihnacht ist durchdrungen von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Stellen wir uns vor, Gott der Vater fragt Seinen Sohn: – Mein geliebter Sohn, möchtest Du Meinen Willen erfüllen? – Vater! Du weißt: Ich habe nur einen Wunsch – Deinen Willen zu erfüllen. – Mein Sohn, möchtest Du zur Erde hinabsteigen, zu den Menschen. Meinen Menschen, die sich verirrt haben und ihre eigenen Wege gehen? Sie sind Meine, aber sie haben sich von Mir abgewandt und gehen in der Sünde zugrunde. Möchtest Du hinabsteigen und sie Mir zurückbringen? – Ich will, Vater. – Aber, Mein Sohn, wenn es Dir schwer wird, wenn die Menschen nicht von Dir wissen wollen, Dich verfolgen und quälen und Dich sogar ans Kreuz nageln, möchtest Du dann immer noch zu ihnen hinabsteigen? Möchtest Du ihre Sünde auf Dich nehmen, als wäre es Deine eigene, und ihre Schuld, als wäre es Deine Schuld? – Ich komme, Deinen Willen zu tun, o Gott. (Hebr. 10:7) Der Herr kam zur Erde nicht in Herrlichkeit und Größe, sondern als Menschensohn, ein Mann der Schmerzen, um uns von der Sünde zu erlösen und sie mit Seinem Leib ans Holz zu tragen. Dies ist nicht nur eine historische Tatsache, sondern ein wunderbarer Beweis Seiner Liebe zu uns. (Röm. 5:8) In meiner Jugend wunderte ich mich über ein Lied, in dem es hieß, dass „jedes Jahr das Christkind wieder auf die Erde kommt, wo die Menschen leben“. Doch heute habe ich verstanden, dass in den Worten des Weihnachtsevangeliums: „HEUTE ist euch der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr“, eine große, freudige Botschaft für jeden steckt, der sie braucht. Gerade HEUTE, wenn Sie vielleicht unter der Last der Sünde, der Not, des Leids, der Einsamkeit und der Verwaisung erliegen, gerade heute gibt Gott ein neues großes Geschenk. Wenn Sie dieses Geschenk annehmen, wird etwas Unglaubliches mit Ihnen geschehen: neue Kraft, neue Freude, neuer Lebenssinn, neues Ziel werden Sie erfassen. Die schweren und düsteren Berge der Sorgen, die Sie bedrücken, werden verschwinden. Sie werden spüren, dass Sie nicht allein sind. Gerade heute, vielleicht am schwersten Tag Ihres Lebens, ist Ihnen der Heiland geboren!
Koh K., in: Nashi Dni Nr. 2005, 23. Dezember 2006