In einer Gemeinde von Gläubigen gab es ein Waisenmädchen, das von allen wie ein Verwandtes behandelt wurde. Das Mädchen hieß Tanja. Ein betagter Bruder und eine betagte Schwester nahmen sie in ihr Haus auf und erzogen sie wie ihre eigene Tochter. Tanja war flink, fleißig und gehorsam. Sie liebte es, das Wort Gottes zu lesen, und betete oft. Vor dem Frühstück, dem Mittag- und dem Abendessen baten die Alten Tanja gewöhnlich, zu beten und Gott für die Speise zu danken. Es schien ihnen, dass niemand besser beten könne als ihre Pflegetochter. Doch es gab ein Problem: Tanjas Gebete waren sehr lang. Während sie betete, kühlte das auf den Tisch gestellte heiße Essen ab. Aber wie sollte man dem Mädchen sagen, dass sie kürzer beten solle? Das war doch eine ernste Frage. Tanja war bereits 13 Jahre alt, und bei den Gebetsversammlungen der Kirche betete sie als eine der Ersten. Doch es gab noch ein anderes Problem: In ihrem Gebet gebrauchte sie fast nach jedem Wort den Namen Gottes vergeblich: „Herr, unser Gott“, „O himmlischer Vater“, „O Herr Jesus Christus“, „O barmherziger Erlöser!“... Diese Gebetsausrufe wiederholte sie unzählige Male. So ging es lange Zeit, bis zu den Alten eine entfernte Verwandte kam, die fröhliche Tante Dascha. Nachdem sie Tanjas Gebete ein- und zweimal angehört hatte, nahm sie sie beiseite und sagte: – Tanjuschka, du bist ein gutes Mädchen, aber ich möchte, dass du noch besser wirst... Du musst einiges ändern und anders machen. Das Mädchen wurde verlegen, aber die Tante beruhigte sie: – Keine Sorge, Tanjetschka, du machst nichts Schlechtes, du irrst dich nur... Und jeden Irrtum kann man berichtigen. – Sag mir, Tante Dascha, welche Fehler hast du bei mir bemerkt? – Dein erster Fehler: Du betest vor dem Essen sehr lange, und nach deinem Gebet muss alles wieder aufgewärmt werden. Der zweite Fehler: Du rufst den Namen Gottes Hunderte Male an. Wozu? Wenn du, wenn du mit mir sprächest, unaufhörlich wiederholen würdest: „Tante Dascha, Tante Dascha“, wäre mir das etwa angenehm? Und du meinst, dass es Gott angenehm ist, wenn du seinen Namen vergeblich und ohne Ende wiederholst? Sag mir, kennst du das Gebet des Herrn? – Ja, ich kenne es! Na und? – Lies es mir bitte vor! – „Vater unser, der du bist im Himmel! Geheiligt werde dein Name; dein Reich komme; dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben; und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen; denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Na und? – Hast du bemerkt, dass die Anrede an Gott in diesem Gebet nur einmal ausgesprochen wird? Hier gibt es keine einzige deiner Lieblingswiederholungen: „Ach, Herr, unser Gott“, „O allmächtiger Herr“, „O Gebieter des Himmels“, „Herr!“, „Herr!“, „Herr!“ – nach jedem Satz und hinter jedem Wort. – Wahrhaftig, Tante, daran habe ich nicht gedacht. – Es ist sehr schade, dass du nicht daran gedacht hast. Denn dieses Gebet hat uns der Herr selbst gegeben und zwar als Beispiel, dem wir folgen sollen. Wenn das Vaterunser nicht im Evangelium aufgezeichnet wäre und du es „auf deine Weise“ beten würdest, indem du nach jedem Wort deine „O Herr, o Gott“, „Herr“, „O himmlischer Vater“, „O Herr Jesus Christus“, „O barmherziger Herr“ einfügst, würdest du dieses Gebet fünfmal länger machen. Aber braucht Gott das? Was sagte unser Erlöser? „Beim Beten sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.“ Bei der letzten Gebetsversammlung hast du genau so gebetet. Du hast allein die Hälfte der gesamten für das gemeinsame Gebet vorgesehenen Zeit in Anspruch genommen und anderen Gläubigen die Möglichkeit genommen zu beten. Versteh, mein gutes Mädchen, dass du schwer sündigst, wenn du den Namen Gottes endlos und vergeblich wiederholst. Außerdem ahmst du nicht Christus nach, sondern die Heiden, wenn du lange, endlose Gebete sprichst. Zu Hause kannst du tagelang beten, aber im öffentlichen Gebet, bei Versammlungen, bemühe dich, Gott das Wichtigste zu sagen. – Danke, Tante Dascha. Jetzt ist mir alles klar. Du hast natürlich recht, und ich wundere mich, dass ich das nicht bemerkt habe und dass mir bisher niemand darauf hingewiesen hat... Von diesem Zeitpunkt an betete Tanja noch inbrünstiger, aber dieses Gebet erbaut alle und erfreute alle. Tanjas Gebet war neu. Rodion Beresow
Rodion Berezov, in: Nashi Dni Nr. 1914, 26. Februar 2005