Als ich die Augen öffnete, sah ich über mir ein Stück hohen, klaren blauen Himmels. Um mich herum stand Unkraut, fast so hoch wie ein Mensch, wie eine Wand. Grillen zirpten, irgendwo in der Ferne zwitscherten sorglose Vögel. Klebriger, unangenehmer Schweiß rann über mein Gesicht, mein Mund war trocken wie in einem ausgekochten Teekessel. Ein Gedanke blitzte auf: Wo bin ich und was mache ich hier? Dann, wie ein Blitz, ein anderer: Wo ist mein Sohn, er war doch bei mir?! Als ich mich abrupt aufrichtete, fühlte ich einen schrecklichen Schmerz im Kopf, aber gleichzeitig wich die Angst aus meinem Herzen – zusammengerollt wie ein kleines Bündel schlief mein einjähriger Sohn friedlich zu meinen Füßen. Scham und schreckliche Reue überfluteten mein ganzes Wesen, und die Erinnerung brachte absichtlich die wilden Bilder des Geschehenen ans Licht: der Busbahnhof, der Bierstand, zufällige Trinkkumpane... und völliger Gedächtnisverlust. Herr, ich danke Dir, dass ich lebe, dass mein Sohn bei mir ist und nicht irgendwo in diesem Unkraut verloren gegangen ist, dass ich ihn, schrecklich zu sagen, nicht im betrunkenen Rausch in dieser kahlen Steppe so weit außerhalb der Stadt verloren habe! Herr, ich danke Dir! Befreie mich, Gott, von neuem Unglück, gib, Vater, Freiheit von dieser betrunkenen Sklaverei!.. Viele Jahre später erinnerte ich mich an dieses meine wirre, aber nicht weniger heiße Gebet, und die Scham überkam mein Herz wie damals, nach dem Erwachen aus der betrunkenen Orgie. Ich hatte so sorgfältig die Ereignisse jenes schrecklichen Tages aus meinem Gedächtnis gelöscht, dass es schien, als könnte nichts sie mehr ans Licht bringen. Aber nein, die Begegnung mit dem Mitarbeiter der Nowotscherkassker Kirche der evangelischen Christen-Baptisten, Wladimir Romanenko, rührte die Vergangenheit in mir auf und zeigte wie im Kino so viel Abscheulichkeit, die ich so sorgfältig im tiefsten Inneren meines Herzens versteckt hatte, dass ich erschrak! Wenn die Menschen die Wahrheit über mich erfahren würden, würden sie sich nicht nur abwenden, sondern mich weiträumig umgehen, mich zu Recht verachten und verurteilen. Wer würde mir dann ohne Abscheu die Hand reichen?! Verzweiflung drohte mich zu überwältigen, als ich aus Wladimirs Mund die Worte hörte, die der Apostel Paulus geschrieben hatte: „Welchen Frucht hattet ihr damals? Solche Werke, deren ihr euch jetzt schämt!“ (Röm. 6:21) Ja, das ist über mich! Und weiter auch über mich: „Denn der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm. 6:23). Aber könnte der nächste Vers auch für mich geschrieben worden sein: „Die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn“? Jetzt weiß ich, dass all dies über mich und Tausende von ebenso armen Sündern und Sünderinnen geschrieben wurde, wie ich es war. Genau, war, denn jetzt hat der Herr mich wirklich nicht nur von der schrecklichen Alkoholsucht befreit, sondern auch von vielen anderen Sünden, die unzählbar waren; denn Er kam, um für die Gottlosen, Verderbten, Schmutzigen und Sündigen zu leiden und zu sterben. Er starb am Kreuz von Golgatha an meiner Stelle, damit ich in Seinem Tod Freiheit und Frieden mit Gott, dem Vater, finden konnte! Er selbst hat in Seiner großen Barmherzigkeit mit Seinem Blut für meine Sünden bezahlt. Und als ich zur Kirche kam, verstand ich, dass ich die Quelle des wahren, lebendigen Glaubens an Christus gefunden hatte, eine echte Familie von aufrichtig Gläubigen, die vom Herrn gerettet wurden. Freund, wenn du noch nicht frei von Sünde bist, wenn du keinen Frieden mit Gott hast, geh in die Kirche, wo über die große Liebe des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes einfach und verständlich gesprochen wird. Der Herr erbarmt sich derer, die von ganzem Herzen zu Ihm rufen! Светлана Тимофеева (Давыдкина)
Svetlana Timofeeva (Davydkina), in: Nashi Dni Nr. 1981, 24. Juni 2006