Mein Sohn Semjon besucht die neunte Klasse eines Gymnasiums. Unsere Stadt, wie es sich für eine wolgadeutsche Stadt im postsowjetischen Raum gehört, ist sehr orthodox. Das wird überall betont, und im Fernsehen gibt es regelmäßig Sendungen gegen Sekten. Interessanterweise werden die Grenzen des Verständnisses von totalitären oder christlichen Sekten nicht abgesteckt. So klingt es vorteilhafter und einfacher: Nicht-orthodox – also Sekte! Letzte Woche zeigte die Klassenlehrerin der 9A-Klasse, in der mein Sohn Semjon lernt, den Schülern einen Film gegen Sekten. Es ging darum, dass sich Sekten, so hieß es, in ganz Russland ausgebreitet hätten und man gegen sie kämpfen müsse. Es wurden Scientologen, Zeugen Jehovas und Pfingstler erwähnt. Zu den Baptisten und evangelischen Christen kam man allerdings nicht mehr. Dann fügte die Lehrerin von sich aus hinzu: „Kinder! Wir müssen gegen diese Sektierer kämpfen! Wenn jemand zu euch kommt und irgendwelche Büchlein oder Neue Testamente anbietet, nehmt sie nicht an, sondern beschimpft diese Leute am besten sogar!“ Großartig! So sieht es also aus, wen man in unseren Schulen im orthodoxen Russland erzieht – Rüpel! Und gestern hatte diese Geschichte für mich und unsere Familie eine logische Fortsetzung. Als Semjon von der Schule nach Hause ging, holten ihn drei Jungen ein, schlugen ihn und nahmen ihm das Handy weg. Sie warfen ihn mit dem Gesicht in den Schnee und drückten so auf ihn, dass er, wie er sagte, fast erstickt wäre. Semjon klammerte sich an die Tasche, in der sein Handy lag, und sie rissen es zusammen mit der Tasche heraus. Semjon kam mit in zwei Hälften zerrissenen Hosen nach Hause. Er hatte sich dieses Handy anderthalb Jahre lang erarbeitet: Er wusch Autos, arbeitete auf dem Bau. Und so schnell war alles vorbei... Zur Miliz sind wir nicht gegangen, da sie sagen, dass sie nicht helfen können. Es gibt zu viele Verbrechen dieser Art in der Stadt. Das ist eine traurige Geschichte. Uns geht es natürlich nicht leicht, aber wir sind Gläubige und haben einen Vater, dem wir diese Sache anvertraut haben. Wir haben eine ewige Zukunft und himmlische Wohnungen, wo wir immer mit dem Herrn sein werden, wo es kein Übel, keine Gottlosigkeit, keine Trauer und keine Tränen geben wird. Das erfreut uns. Und um unseres Herrn willen setzen wir unseren Dienst fort... Sergej Gutz
Sergej Guts, in: Nashi Dni