Es war nicht lange her. Wir flogen nach Seattle, eingeladen zum Jubiläum eines unserer Brüder. Das Wetter war herbstlich: Kalter Wind rüttelte heftig an den Ästen der Bäume und versuchte, die letzten Blätter abzureißen. Schmutzig-graue Wolken jagten unruhig am grauen Himmel vorbei, und ein feiner, stechender Regen fiel. Das trübe Wetter drückte auf unsere Gemüter; wir waren bedrückt und ängstlich. Dann wurde das Boarding für unseren Flug angesagt, und nachdem wir die Kontrolle passiert hatten, nahmen wir Platz in einem komfortablen warmen Flugzeug. Noch ein paar Minuten des Wartens – und wir befanden uns auf der Startbahn. Einen Augenblick später rasten wir mit hoher Geschwindigkeit los, hoben unmerklich ab und stießen in eine graue Menge feuchter Wolken ein. Plötzlich – welch Wunder! – änderte sich das Bild schlagartig: Helles Sonnenlicht ergoss sich großzügig in einem Meer aus reinen, warmen Strahlen, und die schmutzig-grauen Wolken verwandelten sich in eine endlose, schneeweiße Weite, die blendend für die Augen war. Unsere Stimmung wandelte sich augenblicklich. Da kam der Gedanke: Genau so kann sich in einem Augenblick alles in unserem Leben verändern. Unser irdisches Dasein mit all seinen Sorgen, Freuden, Krankheiten, Schmerzen und Ängsten wird dort unten bleiben, und die ewige Sonne – Christus – wird uns auf den Wolken entgegenkommen, und wir werden für immer mit Ihm in Seinem Reich sein. Das Flugzeug stieg immer höher, und die letzten verlorenen Wolken blieben weit unter uns zurück. Das außergewöhnliche Blau des Himmels lockte uns weiter hinauf, höher und höher, niemals mehr zurückzukehren zu den irdischen Problemen und dem alltäglichen Trubel unseres Lebens. Doch plötzlich erinnerte ich mich: „Nichts Unreines wird dorthin kommen ...“ Und wie ein Blitz durchfuhr mich der Gedanke: „Ist mein Herz rein genug, um in das Himmelreich einzutreten?“ Wir Christen alle streben nach dem Himmel. Das ist unser ersehntes Zuhause, und früher oder später werden wir unsere vorübergehende Wohnung verlassen. Doch zuvor wollen wir uns erinnern, wie wir an einer Weggabelung standen, die wichtigste richtige Entscheidung trafen und uns entschieden haben, Jesus Christus nachzufolgen. Jeder geht seinen eigenen Pfad, doch alle Wege des wahren Christen führen nach Golgatha, zum Kreuz Jesu Christi. Ist es nur, um uns erneut an die Grausamkeit der römischen Soldaten oder die List der Schriftgelehrten und Pharisäer zu erinnern, die den Tod des Sohnes Gottes forderten? Nein! Ich muss nach Golgatha kommen, um das Leiden des Sohnes Gottes zu sehen, das Er für mich und uns alle auf sich genommen hat, um Sein großes Opfer für unsere Rettung zu verstehen. Dort, am Kreuz, muss ich all meine Sünden erkennen, die wie jene schmutzig-grauen Wolken auf die Erde auf die Schultern unseres Retters gelegt wurden. Meine Gesetzlosigkeiten sind jener stechende Regen, der unaufhörlich in unserem Leben niederfällt. Für all das muss ich teuer bezahlen: „Die Strafe für die Sünde ist der Tod.“ Ich sehe Jesus Christus, der Seine reinen, unschuldigen Hände am Kreuz ausbreitet, Hände, die Kinder umarmten, Kranke heilten und Hungrige speisten. Doch nun werden diese Hände von riesigen, rostigen Nägeln durchbohrt... Es waren meine Hände, die wegen meiner Sünden durchbohrt werden mussten. Das helle, vollkommen reine Haupt Christi, gekrönt mit der Dornenkrone, war geschlagen und verletzt; scharfe Dornen bohrten tief in die Haut und entstellten Sein Gesicht mit zerfetzten Wunden und Blutergüssen. Das verdiene ich, diese Dornenkrone, denn in meinem Herzen wuchsen böse Gedanken, meine stolzen Augen blickten herablassend auf die Schwachen, und in meiner Seele wuchsen Gedanken der Rache an meinen Feinden. Das Herz Jesu, voll Liebe, Mitgefühl und Vergebung, wurde mit einer Lanze durchbohrt. Es war mein Herz, das durchbohrt werden musste: In ihm fehlte Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung gegenüber dem fehlgegangenen Bruder, dem irrenden Freund, dem verlorenen Sünder. Ich sehe die durchbohrten Füße Christi, die hunderte von Kilometern zurücklegten, eilten zu Zacheus, dem Sünder, zur Samariterin am Brunnen, zum Kranken im Teich Bethesda, zu den zehn Aussätzigen – zu allen, die Hilfe brauchten. Man könnte endlos die Wege aufzählen, auf denen die Füße Christi in der kurzen Zeit Seines Wirkens Eile hatten, um der Welt Glauben, Hoffnung, Liebe und Vergebung zu bringen. Und meine Füße? Wohin eilten sie? Haben sie viele Wege zu denen zurückgelegt, die warten, leiden, in der Welt der Sünde leiden, ohne Christus und Rettung zu kennen? Ich stehe vor dem Kreuz Christi und sage: „Herr, ich verdiene es, für meine Sünden und Verfehlungen an diesem Kreuz zu hängen. Gib mir, Herr, die Kraft, an dieses Kreuz zu gehen: Ich bin eine Sünderin.“ Doch die Augen voller Liebe und Vergebung blicken mich an und sagen: „Ich habe dich längst vergeben, Ich habe deine Schuld bezahlt und dich reingewaschen. Du bist rein, das Himmelreich erwartet dich. Geh jetzt hin, lebe in Frieden und sündige nicht mehr.“ Unser Flugzeug setzte zur Landung an, und in meinem Herzen war keine Angst und kein Zweifel mehr. Der Herr erfüllte es mit Frieden und Gewissheit. Solange ich auf Erden lebe, muss ich meinen Weg weitergehen, den mir bestimmt ist, das Unvollendete vollenden, dorthin gehen, wo ich noch nicht war, denen zurückzahlen, denen ich etwas schulde, und viele gute und notwendige Werke vollbringen. Und wenn ich meinen Lebensweg beende, wird sich der ersehnte Weg zum Himmel vor mir öffnen, und Jesus Christus wird mich mit Liebe und Freude empfangen. Galina F. Bugrijewa
Galina F. Bugrieva, in: Nashi Dni