Ein Beispiel aus dem Leben zeigt, wie oft man auf diese Tugend zurückgreifen muss. Jemand schreibt: „Eines Abends kam ich in N. an. Die Tore waren bereits verschlossen. ‚Haben Sie ein wenig Geduld‘, sagte der Wachmann, ‚man wird Ihnen gleich öffnen.‘ Im Hotel bot man mir ein großes, kaltes Zimmer an. ‚Ein wenig Geduld, mein Herr: Es wird gleich geheizt.‘ Um zehn Uhr wartete ich immer noch auf das Abendessen. ‚Bitte, haben Sie ein wenig Geduld: Es ist noch nicht fertig.‘ Erschöpft von der Reise sehnte ich mich nach Ruhe, aber das Bett war noch nicht gemacht. ‚Warten Sie ein wenig, jemand wird gleich kommen.‘ In der Nacht, als ich Lärm über und unter mir hörte, sagte ich mir: ‚Geduld! Du bist schließlich in einem Hotel.‘ Am Morgen wartete ich auf das Frühstück. ‚Warten Sie ein wenig: Die Milch ist noch nicht gebracht worden, aber sie wird bald kommen.‘ Die Postpferde kamen viel später als zur vereinbarten Zeit. Und wieder hörte ich: ‚Haben Sie ein wenig Geduld, Sie werden gleich fahren.‘ ‚Was schulde ich?‘ – ‚Warten Sie eine Minute: Die Rechnung ist noch nicht geschrieben.‘ Schließlich stand ich vor verschlossenen Toren. ‚Geduld, Kutscher: Wir gehen gleich die Schlüssel holen.‘ Und so verließ ich schließlich N., bewaffnet mit der mir so dringend empfohlenen Geduld, auf die ich in meinem ganzen Leben nicht so oft in so kurzer Zeit zurückgreifen musste. ‚In dieser Stadt‘, dachte ich später, ‚leben wahrscheinlich nur geduldige Menschen.‘ Lange konnte ich N. nicht vergessen, und wenn mich Ungeduld überkam, erinnerte ich mich jedes Mal: ‚Warten Sie eine Minute, haben Sie ein wenig Geduld.‘ Geduld ist eine Gabe des Heiligen Geistes. Das bedeutet, dass die Quelle der Geduld in dem liegt, der ‚selbst in allem versucht wurde‘. Er weiß, wie er den Versuchungen helfen kann. Ja, Geduld ist für alle notwendig, besonders in diesem nervösen, hektischen Zeitalter, in dem von allen Seiten dämonische Kräfte auf den Christen einwirken. Lasst uns also Gott um Geduld bitten. Und Er wird geben. ‚Wer aber bis ans Ende ausharrt, der wird gerettet.‘ Und das Ende ist nicht weit.
Nashi Dni Nr. 1874, 8. Mai 2004