Diese Geschichte ist dem Leben entnommen. Es gibt auf der Welt nicht wenige Menschen, die Tiere bis zur Selbstvergessenheit lieben. Das ist eine gute Eigenschaft, wenn in den Herzen solcher Menschen auch Liebe zu ihren Mitmenschen lebt. Leider fehlt gerade das vielen Tierliebhabern.
Die Familie bestand aus sechs Personen: Mann, Frau, zwei Söhnen und zwei Töchtern. Die Kinder waren Studenten und studierten in anderen Städten. Sie kamen nur in den Ferien nach Hause, hauptsächlich zu Weihnachten. Zu ihrer Ankunft wurde der Weihnachtsbaum bis zur Decke geschmückt.
Das siebte Familienmitglied war die Katze. Der Hausherr nannte sie „Kotik“. Sie war schon elf Jahre alt. Sie war fast zahnlos, einäugig und oft krank. Während einer ihrer Krankheiten brachte man sie ins Tierkrankenhaus. Manchmal blieb sie dort eine Woche oder länger zur Behandlung.
Vor dem letzten Weihnachten häuften sich bei ihr die Erbrechensanfälle, und der Hausherr überredete seine Frau, das Lieblingstier ins Krankenhaus zu bringen. Das war eine Woche vor dem Fest. Er erkundigte sich telefonisch nach ihrem Gesundheitszustand:
– Wie geht es unserem Kotik?
Aus dem Krankenhaus antwortete man:
– Wir haben viele Katzen.
– Die schwarze mit zwei weißen Flecken auf der Stirn.
– Die Erbrechensanfälle haben nachgelassen, aber ganz wiederhergestellt ist sie noch nicht.
Drei Tage vor dem Fest sagte der Hausherr beim Frühstück:
– Der große Tag rückt näher. Alle Lebewesen werden Freude erleben, und unser Kotik wird in der Krankenhausatmosphäre schmachten. Komm, Katja, wir holen ihn für die Feiertage nach Hause.
– Ach was, Fedja, – antwortete die Frau, – bald kommen die Kinder, ihre Freunde werden zu Besuch kommen, da ist uns doch nicht nach der Katze zumute.
Vor Empörung stockte dem Mann der Atem:
– In all den langen Jahren unseres gemeinsamen Lebens bist du mir nie entgegengekommen, du hast alle meine Ratschläge, Vorschläge und Wünsche zurückgewiesen!
– Wenn ich ein solches Ungeheuer war, wie konntest du mich dann siebenundzwanzig Jahre lang ertragen? – fuhr die Frau auf.
Der Streit um die Katze wurde von Minute zu Minute heftiger. Die Lage spitzte sich zu. Der Mann sprang vom Tisch auf, lief mit den Armen fuchtelnd durch das Esszimmer. Die Frau weinte. Mit von Schluchzen unterbrochener Stimme erklärte sie entschlossen:
– Sobald die Kinder da sind, sage ich ihnen, dass ich mich von dir scheiden lasse.
– Sie werden nach dem Grund der Scheidung fragen.
– Dann sage ich ihnen: wegen eines zahnlosen, einäugigen Katers.
– Sie werden dich auslachen.
– Aber wenigstens bin ich dann davor sicher, dass du mir nicht ständig vorwirfst, ich sei dir in siebenundzwanzig Jahren nie entgegengekommen.
Der Mann wusste, dass seine Frau ein schwaches Herz hatte und plötzlich sterben konnte, ohne die Kinder noch zu sehen. Diese Tragödie wollte er nicht. Er überwand seine Erregung und träufelte der Frau Baldrian ein.
Etwas beruhigt sagte sie:
– Hol deinen Kater aus dem Krankenhaus, aber ich warne dich: Während der Feiertage pflegst du ihn selbst.
– Und wann hast du ihm in elf Jahren auch nur ein wenig Aufmerksamkeit geschenkt?
– Neue Ungerechtigkeit! Und wer hat ihn während deiner Abwesenheiten gefüttert und getränkt? Wer hat sich um ihn gekümmert, wenn du im Dienst warst? Zu so einer Unwahrheit bist nur du fähig!
– Schrei nicht, sonst musst du die zweite Portion Baldrian schlucken.
– Mit dir schluckt man auch zehn Portionen, aber das wird dich kaum zur Vernunft bringen!
– Also bin ich deiner Meinung nach unvernünftig? Sei’s drum, aber ich werde Kotik für die Feiertage trotzdem aus dem Krankenhaus holen: Auch für ihn soll es ein Fest geben!
– Wie du willst, – winkte die Frau ab.
Wenige Minuten später raste der Mann schon ins Krankenhaus. In diesen Augenblicken fühlte er sich als Sieger. Seine Vorstellung malte ihm die Freude des Katers aus, wenn er mit seinem einen Auge den festlich geschmückten, funkelnden Weihnachtsbaum sehen würde.
Im Krankenhaus fragte man ihn:
– Nehmen Sie die Katze ganz mit?
– Nein, nur für die Weihnachtsfeiertage.
– Dann können Sie die Behandlung später bezahlen.
– Ja, ja, mit der Zahlung werden wir nicht säumen.
Der Hausherr drückte den Kater an die Brust und küsste ihn auf den Kopf.
– Mein Lieber, auch für dich wird es ein Fest geben.
Aber der Kater fühlte sich schlecht.
Er leckte seinen langjährigen Herrn nicht ein einziges Mal, wie er es im gesunden Zustand tat.
Während der Abwesenheit des Mannes kam die Nachbarin vorbei. In der Hand hatte sie eine Zeitung.
– Guten Tag, Katharina Michailowna. Ich möchte Ihnen eine wunderbare Zeitung zeigen. Ich sage es offen: eine ungewöhnliche Zeitung, so etwas habe ich noch nie gelesen und gesehen.
– Wie heißt sie?
– „Unsere Tage“. Sie wird in Kalifornien herausgegeben.
– Vermutlich mit politischer Ausrichtung?
– Ganz im Gegenteil: mit geistiger. Die Zeitung bietet viel Nahrung für den Verstand und für das Herz.
– Zeigen Sie sie mir.
Die Nachbarin schlug die Zeitung auf.
– Oh, sogar eine „Literaturseite“!
– Und was für wunderbare Erzählungen und Gedichte es auf dieser Seite gibt! Beim Lesen der Zeitung habe ich sogar das Mittagessen vergessen.
– Ich sage es meinem Mann: Er hat sich immer für Poesie und Belletristik interessiert...
Der zurückgekehrte Mann trug den Kater zuerst ins Wohnzimmer, wo der Weihnachtsbaum prangte.
– Schau nur, Kotik, ich habe mich extra für dich bemüht.
Aber das vierbeinige Familienmitglied zeigte kein Interesse am Baum. Es schloss sogar sein gesundes Auge. Nach einer Minute wurde es wieder von Erbrechen geschüttelt.
– Armer Kerl, du bist also immer noch krank? Dann müssen wir dich wieder ins Krankenhaus bringen.
Ohne der Frau etwas zu sagen, ging er mit dem Kater zum Auto. Im Krankenhaus bat er:
– Pflegen Sie ihn besser, damit er bis zum Neujahr völlig gesund ist.
– Vergessen Sie nicht: Er ist schon elf Jahre alt. Das ist ein hohes Katzenalter, und gegen das Alter ist die Medizin machtlos... Wir werden alles tun, was wir können, aber für ein günstiges Ergebnis können wir nicht garantieren.
Als der Mann zum zweiten Mal nach Hause zurückkehrte, gab ihm die Frau die Zeitung.
– Schau dir diese Zeitung an! Ich habe sie von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen. Man muss sie unbedingt abonnieren.
– Aber siehst du denn nicht, wie viel sie kostet!
– Für die Katze hast du in nur einer Woche um ein Vielfaches mehr ausgegeben. Von den Kosten für seine Spezialdiät ganz zu schweigen. Und wie viel wurde für die Krankenhausrechnungen bezahlt!
– Kotik ist ein Mitglied unserer Familie, und ohne Zeitung kann man sehr wohl auskommen.
– Ich werde sie mir von der Nachbarin ausleihen, aber dir zeige ich kein einziges Exemplar mehr.
– Das ist deine Sache, aber für die Zeitung werde ich kein Geld verschwenden.
– „Verschwenden“? Was für ein dramatisches Wort! Dabei hast du dein ganzes Leben lang für deinen Götzen verschwendet und oft die Nahrung für die Seele vergessen...
Die Kinder kamen zu den Ferien.
Das Haus füllte sich mit lautem, fröhlichem Gespräch der Jugend.
Die Mutter war glücklich. Nur der Hausherr war traurig: Ohne Kotik war ihm auch das Fest kein Fest.
Am zweiten Weihnachtstag rief das Krankenhaus an:
– Ihre schwarze Katze mit zwei weißen Flecken auf der Stirn ist verendet.
Die traurige Nachricht wurde aufgenommen wie die Explosion einer schweren Sprengbombe. Fedor Stepanowitsch ließ die Arme sinken.
Er versammelte alle studierenden Kinder und sagte:
– Unser bester Freund ist gestorben!
Die Kinder dachten, es gehe um jemanden aus dem Bekanntenkreis, und fragten erschrocken:
– Wer?
– Kotik!
Die Söhne zuckten mit den Schultern, die Töchter lächelten und sagten:
– So darf man die Leute nicht erschrecken!
– Wie grausam ihr alle seid! – empörte sich der Vater. – Ihr habt alle nicht meinen Charakter, sondern den eurer Mutter.
Die Mutter wollte etwas erwidern, aber die Töchter nahmen sie unter den Arm und führten sie in ein anderes Zimmer.
Beim Mittagessen erklärte der Vater allen, dass er Kotik auf dem Tierfriedhof beerdigen und ihm ein Denkmal setzen werde...
R. M. Beresow
R.M. Berezov, in: Nashi Dni