Jesus sprach zu Seinen Jüngern über die letzte Zeit vor Seiner Wiederkunft: „Und aufgrund der Zunahme der Gesetzlosigkeit wird die Liebe in vielen erkalten.“ (Matthäus 24,12) Heutzutage erfüllt sich diese Prophezeiung. Die Liebe ist nicht nur zwischen Menschen der Welt erkaltet, sondern auch unter Gläubigen. Viele Gemeinden haben ihren missionsfreudigen Geist verloren, weil das Mitgefühl für unerlöste Sünder erloschen ist. Das Gebot Christi an Seine Kirche wird oft vergessen: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung.“
Kürzlich hörte ich folgende Geschichte: Ein Christ zog in eine andere Stadt. Am ersten Sonntag ging er in eine ihm geistlich nahestehende Gemeinde. Der Gottesdienst endete, die Besucher zerstreuten sich, aber niemand kam auf ihn zu, fragte: „Wer sind Sie? Woher kommen Sie? Wo wohnen Sie?“
Am nächsten Sonntag wiederholte sich dasselbe. Niemand schenkte ihm Beachtung.
Am dritten Sonntag setzte sich derselbe Besucher in die hinterste Reihe und behielt seinen Hut auf. Der Prediger bemerkte diesen Verstoß, während er am Rednerpult stand, und sagte zu seinem Diakon: „Da hinten sitzt ein Mann mit Hut. Gehe und sage ihm, dass er nicht in einer Kneipe, sondern in Gottes Kirche ist.“
Als der Diakon dem Fremden diese Worte ins Ohr flüsterte, rief der laut: „Halleluja! Endlich spricht jemand mit mir!“
Ob er durch diese Worte die erkaltete Liebe der Gemeinde beschämte, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass es heutzutage viele solcher Gemeinden gibt.
Eine ähnliche Geschichte erzählte mir Leonid Pluzhnik aus Los Angeles. Ein neu zugezogener Christ wurde am ersten und zweiten Sonntag in der Gemeinde weder begrüßt noch angesprochen. Am dritten Sonntag kam er früh zur Kirche, stellte sich an die Tür und begrüßte jeden Besucher freundlich mit Handschlag, auch die Presbyter: „Guten Tag, Bruder Presbyter! Wie geht es Ihnen?“
Das war in dieser Gemeinde unbekannt, und alle Gemeindemitglieder waren nicht nur überrascht, sondern auch verlegen.
Nach dem Gottesdienst fragte der Pastor den Fremden, wer er sei und was ihn zu diesem guten Werk bewogen habe. Der Fremde erzählte seine Geschichte. Der Pastor und die Gemeinde erkannten ihren Fehler und baten ihn, auch in Zukunft diesen wichtigen Dienst zu übernehmen – jeden Besucher an der Kirchentür zu begrüßen.
Schade, dass viele russischsprachige Gemeinden diese schöne Tradition nicht pflegen. Wenn ein freundlich lächelnder Bruder in Christus Sie an der Kirchentür empfängt, gibt Ihnen das eine wohltuende Kraft für den ganzen Gottesdienst. Und wie traurig ist es, dass diese einfache Wahrheit nicht die Herzen und das Bewusstsein vieler Gemeindeleiter erreicht.
Leonid Pluzhnik, in: Nashi Dni