Ein kleiner Junge mit einer Geige unter dem Arm wanderte durch die Straßen einer großen Stadt. Er hatte weder Familie noch ein Zuhause. Unterkunft und Nahrung waren seine täglichen Sorgen: Wo soll er seinen Kopf niederlegen? Wie soll er Brot beschaffen? Der Junge war begabt. Irgendwie hatte er eine Geige erworben und spielte an Straßenecken für die Öffentlichkeit. Die Zuhörer waren begeistert. Wenn das Spiel endete, flogen kleine Münzen zu seinen Füßen. Wenn er genug Geld gesammelt hatte, konnte er in der billigsten Herberge übernachten und musste nicht auf einer Parkbank frieren. In derselben Stadt lebte ein berühmter Musiker. Eines Tages kam er zufällig an dem Ort vorbei, wo der kleine Geiger in Lumpen spielte. Der Musiker war von dem seltenen Talent des Jungen beeindruckt. Als die Menge sich zerstreut hatte, fragte der Musiker ihn: „Wer sind deine Eltern?“ „Ich habe niemanden“, antwortete der Junge. „Wo lebst du?“ „Tagsüber gehe ich durch die Straßen und spiele, und nachts gehe ich im Sommer in den Stadtpark, im Winter verbringe ich die Zeit am Bahnhof... Wenn ich Geld habe, übernachte ich in einer Herberge: dort ist es günstig...“ „Möchtest du mein Sohn sein und bei mir leben?“ fragte der Musiker. „Ich werde dir alles beibringen, was ich selbst weiß.“ Die fast immer traurigen Augen des Jungen leuchteten in diesem Moment vor Freude auf und er antwortete schüchtern: „Das würde ich sehr gerne...“ „Nun, das ist wunderbar!“ Der berühmte Musiker nahm den Jungen zu sich nach Hause, wusch ihn, kleidete ihn ein und ersetzte ihm den Vater. Die Musikstunden hörten keinen Tag auf. Alles, was der Lehrer zeigte, versuchte der talentierte Schüler eifrig auszuführen. Freude, Liebe und gegenseitige Zuneigung herrschten im Haus des Musikers. Auf den Straßen spielte der Junge nun nicht mehr für die Passanten: das war nicht mehr nötig. Der Lehrer bereitete ihn auf ein öffentliches Konzert im Konservatorium vor, das weltweit berühmt war. Der Tag und die Stunde des Konzerts wurden im Voraus in vielen Zeitungen angekündigt. Große Plakate luden die Zuhörer zu einem Konzert des Jungen ein, der bei dem berühmten Musiker lernte. Der Saal des Konservatoriums war sehr geräumig, aber alle Karten waren schon Tage vor dem Konzert ausverkauft. Selbst auf den Balkonen gab es keinen freien Platz. Endlich kam der lang erwartete Abend. Die Menschen strömten in das Konservatorium. Alle erwarteten etwas Außergewöhnliches. Die Zuhörer nahmen ihre Plätze noch vor dem dritten Glockenschlag ein. Auf die Bühne trat ein hübscher, schöner Teenager. Er wurde mit lautem Applaus empfangen. Das Konzert begann. Alle erstarrten und hörten mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Der junge Musiker spielte mit Hingabe. „Wunderbar, herrlich, prächtig, göttlich...“ dachte jeder, berauscht von den bezaubernden Klängen. Jedes Mal, wenn ein Musikstück endete, bebte der Saal vor stürmischem Applaus und Rufen: „Bravo!“ Doch all dieser Sturm machte auf den Jungen keinen Eindruck. Sowohl während des Spiels als auch danach, als der Applaus lange nicht verstummte, war sein Blick auf etwas gerichtet.
Nashi Dni