Ein armer Mann lebte sein ganzes Leben lang inmitten von Sümpfen und Wäldern. Er hatte nie das Meer gesehen, und ohne es zu sehen, hatte er das Meer liebgewonnen. In seinem kostbaren Album sammelte er Gedichte über das Meer und Bilder mit Meeresansichten. Sein ganzes Leben träumte er: „Eines Tages werde ich mich aufmachen, hinfahren und das weite, blaue Meer sehen.“
Endlich machte er sich auf den Weg. Er kam an und sah: Vor ihm lag eine graue Wasserfläche; das Meer schlief zu dieser Zeit. Wo waren die fröhlichen Wellen mit den Perlen der Gischt, wo das sanfte blaue Meer, von dem die Dichter singen? Eine ganze Woche lebte er am Meeresufer, und die ganze Zeit herrschten graue Tage, und auf der weiten Fläche des bleiernen Meeres sah er weder Segel noch Rauch eines Schiffes, das in die Ferne fuhr.
Leblos und langweilig lag das Meer vor ihm. Er kehrte in seine Sümpfe zurück und versteckte das Album weiter hinten: Die Dichter lügen, die Künstler lügen. Er ging düster umher. Man fragte ihn: „Was ist mit Ihnen?“
„Ach, ach! Ich bin enttäuscht! Ich habe mich im Meer getäuscht. Warum lügen die Dichter und führen uns in die Irre? Lasst mich! Ich bin enttäuscht...“
So blieb er enttäuscht. Doch das ewige Meer lacht wie eh und je, glänzt azurblau in der Sonne, kleidet seine Wellen in perlengeschmückten Schaum und singt sein ewiges Lied von Schönheit und Kraft.
Nashi Dni Nr. 1993, 30. September 2006