Andrej Wassiljewitsch schlug bereitwillig die auf dem Tisch liegende Bibel auf und las: „Thomas aber, einer von den Zwölfen, genannt der Zwilling, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sagte ihnen: Wenn ich nicht an seinen Händen die Male der Nägel sehe und meinen Finger in die Male der Nägel lege und meine Hand in seine Seite lege, werde ich nicht glauben ...“ (Johannes 20,24-25)
„Nehmen wir an, dass Thomas ein vernünftiger Mensch war“, sagte Ruslan Kalimowitsch, „aber die anderen?“
„Aber die anderen Apostel waren ja auch nicht leichtgläubig! Die Bibel sagt, dass sie nicht einmal auf die Auferstehung Christi aus den Toten hofften. Alle Jünger Jesu versteckten sich nach seinem Tod aus Angst vor den Juden, die sie verfolgten.“
„Warum wurden sie dann später so mutig?“
„Genau das will ich von Ihnen wissen!“
„Gut, Andrej Wassiljewitsch, ich gebe zu, Sie haben mich verwirrt. Diese Frage scheint dunkel und psychologisch schwer zu verstehen.“
„Im Gegenteil, sie ist gut erforscht und klar wie Gottes Tag! In der Geschichte der Menschheit gab es keinen einzigen Fall, wo sich eine Gruppe von elf Augenzeugen verschworen hätte, für eine unbestreitbare Lüge zu sterben (als ob Christus nicht von den Toten auferstanden wäre) und keiner von ihnen, obwohl sie voneinander getrennt waren, gezögert oder die Wahrheit verraten hätte. Für einen Lebenden starben sie nicht, sondern zerstreuten sich! Würden sie wirklich für einen Toten sterben?“
„Wie seltsam, Ihr Argument klingt ziemlich plausibel“, stimmte Ruslan Kalimowitsch zu. „Sie scheinen intuitiv ein starkes Argument für das Christentum gefunden zu haben ...“
„Oh, das war nicht ich! Das war schon im antiken Rom gut bekannt.“
„Interessant. Aber was hat das mit mir zu tun? Ich bin kein Historiker. Und kein Christ.“
Andrej Wassiljewitsch goss sich noch etwas Tee ein.
„Möchten Sie auch?“ fragte er Ruslan Kalimowitsch erneut.
„Ja, gerne“, antwortete dieser.
Sie schwiegen ein paar Minuten und tranken Tee.
„Nun, wie?“ fragte Andrej Wassiljewitsch. „Gefällt Ihnen, wie meine Lebensgefährtin den Tee zubereitet?“
Ruslan Kalimowitsch antwortete nicht sofort, seine Gedanken schienen weit weg.
„Ah, der Tee?“ kam er zu sich. „Der Tee ist wirklich ausgezeichnet – mit einem religiösen Aroma!“
„Nun, ich nähere mich noch immer der Frage, die Sie am Anfang gestellt haben: Jeder sollte seinem Beruf nachgehen und Profi sein. Was hat es mit Jesus Christus auf sich, wenn ich ein Schlosser bin und Sie Physiker?“
„Sie haben ein ausgezeichnetes Gedächtnis und einen wissenschaftlichen Geist!“, lobte Ruslan Kalimowitsch. „Also, was geht mich an, dass Jesus Christus vor zweitausend Jahren in Palästina am Kreuz starb, wenn ich heute lebe und mich mit Physik beschäftige?“
„Haben Sie jemals so schwer gelitten, dass Sie bewusstlos waren?“, fragte Andrej Wassiljewitsch mit mitfühlendem Gesichtsausdruck.
„Ich denke schon.“
„Dann stellen wir uns noch eine weitere fantastische Situation vor (in Ihrer Sprache), um unser Problem schneller und einfacher zu lösen.“
„Gut, eine Hypothese ist auch eine wissenschaftliche Methode ...“
„Angenommen“, sagte Andrej Wassiljewitsch mit bewegter Stimme, „dass in der Zeit, als Sie schwer krank waren und bewusstlos dalagen, böse Leute in Ihr Haus eindrangen, alles mitnahmen, was sie konnten, und Sie am Ende auch noch töten wollten – nur für den Fall, damit es keine Zeugen gibt: Vielleicht stellen Sie ja nur vor, bewusstlos zu sein? Und da fand sich ein mitleidiger Mensch, der sich für Sie einsetzte, und dann töteten die Räuber ihn an Ihrer Stelle ...
Die Zeit vergeht, Sie genesen.
Ihre Nachbarn, die unfreiwillige Zeugen jener Ereignisse geworden sind, versuchen Ihnen zu erzählen, was im Haus geschah, während Sie krank waren. Und Sie, stellen Sie sich vor, antworten ihnen dann: ‚Was geht mich das an, wer mich töten wollte und wer da für mich gestorben ist ... Ich bin Physiker, und ich habe keine Zeit für solchen Kleinkram ...‘“
„Eine unkorrekte Annahme!“, empörte sich Ruslan Kalimowitsch. „Wenn wirklich jemand für mich gestorben wäre, würde ich mir Zeit nehmen, das genauer zu erfahren. Aber was hat das mit Christus zu tun? Außerdem ist mein Haus ja weit entfernt von Palästina ...“
Andrej Wassiljewitsch schlug erneut seine Bibel auf und las mit feierlicher Stimme die folgenden Verse:
„... Gott beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Röm. 5,8)
„Christus ist für alle gestorben ...“ (2. Kor. 5,15)
„... ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“ (Gal. 2,20)
„Also wollen Sie sagen, dass Christus für alle Menschen gestorben ist, auch für mich?“, fragte Ruslan Kalimowitsch erstaunt.
„So sagt es die Bibel, das Wort Gottes. Darum sollten Sie irgendwie auf diese Botschaft reagieren, die uns die Augenzeugen-Apostel übermittelt haben: Der Herr Jesus ist persönlich für Sie und für mich gestorben, ganz gleich, welchen Beruf wir haben ... Wenn Sie sich dieser Frage erneut entziehen, dann sind Sie genau jener undankbare Mensch aus meiner fantastischen Geschichte, der nichts über seinen Retter wissen wollte ...“
„Geschickt machen Sie das, Sie gehen direkt an die Seele!“, rief Ruslan Kalimowitsch aus. „Mir scheint schon, dass Sie nicht so ein harmloser alter Mann sind, wie Sie auf den ersten Blick wirken.“
„Weichen Sie nicht aus, mein Freund, seien Sie bis zum Ende Wissenschaftler!“
„Nun, Ihre Worte erscheinen mir schon vernünftig, wenn auch noch nicht ganz überzeugend ...“
„Wenn Jesus wirklich für alle gestorben ist, auch für Sie und für mich, und dann wahrhaftig von den Toten auferstanden ist (die Apostel haben sich ja sehr verändert, nicht wahr?), dann bedeutet das ... dass Er zweifellos unser Gott ist! Und wir müssen Ihm unaufhörlich danken und Ihm dienen, damit wir nicht wieder als undankbare Toren vor Ihm erscheinen!“
„Ach, wenn doch alles so wäre, wie Sie sagen!..“
Während des langen Gesprächs bemerkten die Mitreisenden nicht, wie sie in Moskau ankamen. Der Himmel über der Hauptstadt hatte sich bereits aufgehellt, der Morgen brach an. Zum Abschied tauschten Pastor und Wissenschaftler ihre Adressen aus und schüttelten einander fest die Hände. Dann drängten sie sich durch die Menge auf dem Bahnsteig und gingen in verschiedene Richtungen. Und die Schutzengel, leise mit den Flügeln raschelnd, flogen fröhlich hinter ihnen her ...
Konstantin Prochorov, in: Nashi Dni Nr. 2083, 5. Juli 2008