Als Jesus auf Golgatha hinaufstieg, erklomm Judas einen anderen Berg – den Berg der Reue. Er ging allein. Sein Weg war wie mit Steinen übersät mit Schmerz und Scham. Die Landschaft war so öde wie seine Seele. Seine Schultern waren gebeugt unter der Last: Er trug seinen eigenen Fall. Es ist nicht so wichtig, warum Judas den Meister verriet. Ob es Zorn oder Gier war, das Ende ist dasselbe – Reue. Vor einigen Jahren war ich am Obersten Gerichtshof. Im Gerichtssaal beobachtete ich eine Szene. Der Vorsitzende wurde von seinen Kollegen in etwas leidenschaftlich überzeugt. Alle waren die Verkörperung der Gerechtigkeit. Sie repräsentierten den höchsten Grad menschlicher Bestrebungen im Kampf gegen menschliches Versagen. Ich dachte bei mir, wie sinnlos es wäre, zum Richter zu gehen und um Vergebung zu bitten. Vergebung dafür, dass ich mit meiner Lehrerin in der fünften Klasse gestritten hatte, Vergebung für Untreue gegenüber Freunden, dafür, dass ich am Sonntag schwor: „Ich werde es nie wieder tun“, und es am Montag doch tat. Es wäre nutzlos, denn der Richter konnte mich nicht vergeben, vielleicht ein paar Tage Gefängnis geben, um mein Schuldgefühl zu stillen, aber keine Vergebung. Sie lag nicht in seiner Macht. Wahrscheinlich verbringen wir deshalb so viele Stunden auf dem Berg der Reue. Wir haben keinen Weg gefunden, uns von der Schuld zu befreien. So steigen wir langsam den Berg hinauf. Müde, mit Herzen, die im Kampf mit unlösbaren Irrtümern verwundet sind. In unseren Augen Tränen vom Zusammenbruch aller Hoffnungen. Auf unseren Lippen Worte der Rechtfertigung. Bei manchen liegt das Leiden an der Oberfläche. Bei anderen ist der Schmerz verborgen, begraben in den fernen Ecken bitterer Erinnerungen. Jeder von uns, der versucht, etwas zu vergessen (aber es bleibt im Gedächtnis), versucht, mit dem Schmerz fertig zu werden. Wir wandern schweigend, einer nach dem anderen, in den Fesseln unserer Schuld. Und alle haben die Frage auf den Lippen, die schon der Apostel Paulus stellte: „Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?“ Am Ende dieses Weges stehen zwei Bäume. Einer ohne Blätter, der Hitze, Kälte und Regen gesehen hat. Er ist tot, aber immer noch stark. Keine Rinde, nur das über viele Jahre glatt polierte Holz. Nur kahle Äste ragen vom Stamm ab. An dem stärksten Ast hängt die Schlinge des Urteils. Hier entschied Judas, was er mit seinem Fall tun sollte... Wenn er nur von dem benachbarten Baum gewusst hätte, dem Baum des Kreuzes! Auch er ist tot; das Holz ist ebenfalls glatt. Aber es gibt keine Schlinge. Dort, am Kreuz dieses Baumes, gibt es keine weiteren Tode mehr. Einer reichte. Ein Tod für alle! Die von uns, die Jesus ebenfalls verraten haben, sind nicht so dumm, Judas zu hart zu verurteilen, weil er den Baum der Abrechnung wählte. Um zu glauben, dass Jesus das Verrat vergessen kann, braucht es denselben starken Glauben, wie an seine Auferstehung von den Toten zu glauben. Beides ist wundersam. Aber was für Bäume sind das! Wie klein ist der Abstand, der den Baum der Verzweiflung vom Baum der Hoffnung trennt. Das Leben ist so paradox nah am Tod. Die Tugend ist eine Armlänge vom Laster entfernt. Der Bewahrer des Lebens und der, der es verriet, stehen im selben schwankenden Schatten. Da stehen sie, diese Bäume. Es kann einen nicht unbeeindruckt lassen. Warum wartet Jesus auf dem einsamsten Berg des Lebens auf mich mit ausgebreiteten, von Nägeln durchbohrten Händen? Oh unvergleichliche heilige Gnade! Sie scheint keine Logik zu haben. Aber plötzlich verstehe ich, dass Gnade nicht logisch sein muss, sonst wäre sie keine Gnade...
Max Lucado, in: Nashi Dni