„Fürchtest du weder Vater noch Lehrer, noch Vorgesetzten, noch Gesetzgeber, noch Richter? Beschämt dich kein Freund? Korrigiert dich nicht dein Gewissen? – So kommt die körperliche Krankheit und bessert oft alles.“ Johannes Chrysostomus
Es war einmal ein kleiner Junge namens Abram. Sein Zuhause war in einem fernen Land, in der Stadt Ur. Dort lebte er mit seinem Vater, seiner Mutter und zwei jüngeren Brüdern.
In jenen Tagen bauten die Menschen Mauern um die Städte, um sich vor Feinden zu schützen. Jeden Abend wurden die Stadttore geschlossen, jeden Morgen öffnete man sie wieder. Abram liebte es, zu beobachten, wie die Menschen durch die Stadttore ein- und ausgingen. Einige ritten auf kleinen Eseln, andere saßen hoch oben auf stolz schaukelnden Kamelen. Es gab auch solche, die zu Fuß kamen: Hirten, Kriegertruppen.
Abram wollte alles wissen: – Warum tragen die Kamele Glocken um den Hals? – Woher kommen die Händler? – Wohin ziehen die Hirten?..
Eines Nachts lag Abram auf dem flachen Dach seines Hauses und schaute zu den Sternen hinauf. Die funkelnden Sterne erinnerten ihn an die Armbänder, die an den Handgelenken seiner Mutter glänzten.
Und plötzlich kam ihm ein Gedanke: „Die Armbänder für Mama hat ein Juwelier gemacht. Aber wer hat die Sterne geschaffen? Wer hat den Himmel, die Erde, die Felder, die Flüsse geschaffen? Wer hat diese Welt erschaffen?“
Dies war die schwierigste und wichtigste Frage, die Abram je in den Sinn gekommen war. Er stieg eilig die Leiter hinunter ins Haus, um seinen Vater danach zu fragen.
In jenen Tagen kannten die Menschen Gott noch nicht. Sie beteten die Sonne oder den Mond an. Sie hielten den König für einen Gott. Sie verehrten Götzen – Figuren aus Metall, Holz oder Stein. Terach, der Vater von Abram, stellte Götzen her und handelte mit ihnen. Als Abram das Zimmer betrat, schnitzte er gerade einen kleinen Götzen aus Holz. Der Götze sah aus wie ein grinsender Zwerg.
– Vater, – fragte Abram, – wer hat diese Welt erschaffen?
– Die Götter, – antwortete Terach und zeigte auf die in einer Reihe stehenden Götzen.
Dann gab er Abram den kleinen Götzen, den er gerade gemacht hatte, und sagte:
– Nimm diesen neuen Gott für dich, Abram. Er wird dich beschützen.
Abram schaute auf die kleine Figur, die in seiner Handfläche Platz fand.
– Mit dir kann man wunderbar spielen, – sagte er. – Aber ich glaube nicht, dass du Gott bist. Du hast Augen, aber du kannst nicht sehen, du hast Ohren, aber du kannst nicht hören, du hast einen Mund, aber du kannst nicht sprechen. Mein Vater hat dich gerade gemacht. Wie konntest du also die Welt erschaffen?..
Am nächsten Tag ging Abram zu seinem Onkel. Sein Onkel war ein großer Mann – ein königlicher Heerführer. Abram fand seinen Onkel in der Nähe des Turms im Stadtzentrum.
– Was führt dich hierher, mein kleiner Neffe? – fragte ihn sein Onkel.
– Ich suche Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, – antwortete Abram.
– Du hast recht getan, dass du hierher gekommen bist, – sagte ihm der Onkel. – König Nimrod ist Gott. Er hat diesen Turm gebaut, dessen Spitze den Himmel erreicht. Er hat Himmel und Erde erschaffen.
Aber Abram schüttelte den Kopf. Einmal hatte er Nimrod gesehen. Das Gesicht des Königs war böse und grausam. Abram konnte nicht glauben, dass Nimrod Gott war.
Und er ging zu einem anderen Onkel, einem Hirten. Es war schon Abend, als Abram ihn traf. Der Onkel hütete Schafe weit außerhalb der Stadtmauer.
– Friede sei mit dir, mein kleiner Neffe, – begrüßte ihn der Onkel-Hirte. – Was führt dich hierher?
Abram antwortete: – Ich suche Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat. Kannst du mir sagen, wo ich Ihn finden kann?
– Er ist direkt über dir, im Himmel, – sagte der Onkel und zeigte nach oben. – Gott ist der Mond.
Abram hob die Augen und schaute zum Mond. Er übergoss Himmel und Erde mit silbrigem Licht.
– Mein Onkel hat recht, – dachte Abram. – Der Mond ist Gott.
Kaum hatte er das gedacht, da verdeckte eine Wolke den Mond und der Himmel wurde von Dunkelheit überzogen.
Abram war traurig: „Die Wolke ist stärker als der Mond, denn sie hat den Mond vom Himmel vertrieben. Gott muss die Wolke sein.“
Aber dann erhob sich der Wind, zerstreute die Wolken, und am Himmel funkelten die Sterne.
– Wie töricht war ich, als ich dachte, die Wolke sei Gott! – lachte Abram. – Gott sind die Sterne.
Lange lag Abram auf dem Rücken zwischen den Schafen, schaute auf die funkelnden Sterne und schlief schließlich ein. Als er aufwachte, war es bereits Morgen und die Sterne am Himmel waren verblasst und verschwunden.
Abram hob die Augen zum Himmel und schloss sie sofort: Das Licht der Sonne blendete ihn.
– Vergib mir, mächtige Sonne! – rief er aus. – Natürlich bist du Gott!
Doch dann erinnerte sich Abram, dass die Sonne am Abend untergeht.
– Die Sonne kann nicht Gott sein, – sagte er, – denn am Abend geht sie unter. Der Mond ist nicht Gott. Die Sterne sind nicht Götter. Und der König ist erst recht nicht Gott.
Plötzlich verstand Abram: Es gibt Jemanden über all dem. Er hat Himmel und Erde geschaffen und alles, was auf der Erde und im Himmel ist.
Endlich hatte Abram die Antwort gefunden!
***
Eine Weile erzählte Abram niemandem von seiner Entdeckung. Aber eines Tages, als er allein im Laden seines Vaters war, kam eine alte Frau herein.
– Ich möchte einen Gott kaufen, – sagte sie, – einen starken Gott.
– Aber du hast doch gestern einen Götzen gekauft, – sagte Abram zu ihr.
– Ja, – antwortete die Frau, – aber in der Nacht kamen Diebe und stahlen ihn. Ich habe Angst, wenn in meinem Haus kein Gott ist, der mich beschützt.
Abram sagte zu ihr: – Ist es nicht töricht zu glauben, dass ein Götze, der sich selbst nicht schützen konnte, dich beschützen wird?
Und er erzählte ihr von dem einen, wahren Gott.
– Nur Er kann dich beschützen, – sagte Abram.
Und die Frau ging, ohne einen Götzen zu kaufen.
Als sie gegangen war, nahm Abram ein kleines Beil und begann, die Götzen in kleine Stücke zu zerschlagen. Krach! Bumm!
Die Götzen fielen einer nach dem anderen zu Boden, bis nur noch der letzte, der größte, übrig blieb. Abram legte ihm das Beil in die Hand und stellte einen Teller mit Fleisch vor ihn hin.
Als er den Lärm hörte, stürmte Terach in den Laden.
– Abram! – rief er. – Was ist passiert? Wer hat die Götzen zerschlagen?
Abram antwortete:
– Ich kam mit einem Teller Fleisch in den Raum. Alle kleinen Götzen streckten sofort ihre Hände nach dem Teller aus und schnappten sich das Fleisch, bevor der große Gott es erreichen konnte. Das machte ihn so wütend, dass er das Beil ergriff und alle kleinen Götzen in Stücke schlug. Siehst du, das Beil ist immer noch in seiner Hand...
Terach wandte sich zornig an Abram:
– Hältst du mich für einen Narren? Diese Götzen sind aus Holz und Stein. Ich habe sie selbst gemacht. Können sie etwa ihren Mund öffnen? Können sie sich bewegen? Können sie gehen? Wie konnte der große Gott die kleinen in Stücke schlagen?
– Wie können diese Götter dir dann helfen, Vater? – rief Abram aus. – Mache keine Götzen mehr. Bete zum einen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Nur Er ist der wahre Gott!
Terach sah sich erschrocken um.
– Sch-sch! Sei leise, Abram! – sagte er. – Es ist gefährlich, so zu sprechen. Wenn König Nimrod das hört, wird er befehlen, dich in den brennenden Ofen zu werfen. Oh, mein Sohn, warum bist du nicht wie alle anderen? Verehre die Götzen wie zuvor.
Aber Abram hörte nicht auf seinen Vater. Von diesem Tag an betete er nur noch zu Gott.
Nashi Dni Nr. 1757, 12. Januar 2002